Piccadilly Circus

TDK schaltet LED Board ab – und geht als letzte japanische Marke

- „With you always“: Mit einem Bye-bye auf Japanisch und Englisch hat sich mit TDK der letzte japanische Werbungtreibende vom Piccadilly Circus verabschiedet. Nach fast 25 Jahren Außenwerbung für TDK wird das LED Video Board „The Curve“ nun vom Sender ITV als Medium genutzt. Ein Nachruf. von Thomas Kletschke

LED Board von TDK am Piccadilly Circus (Foto: TDK)

LED Board von TDK am Piccadilly Circus (Foto: TDK)

Früher war das so: Wer Kopfsalat nicht mochte, entschied sich stattdessen für Bandsalat und Rauschen. Solche Leute gehörten offenbar zur Kernzielgruppe von BASF, deren Chrome-Cassetten oft genug noch die Qualität eines Ferrum-Tapes von Universum unterbieten konnten. Je nachdem, aus welcher Charge der „Badischen Anilin- & Soda-Suppenfabrik“ die Bänder stammten. Ein Band von BASF, das war damals sowas wie ein Poloshirt von Trigema oder eine Single von Den Harrow: Ja, das gibt es – aber wer bitte kauft das?

Schnöselige Langweiler mit Lacoste-Shirts bekamen von gutmeinenden, aber ahnungslosen Muttis ein überteuertes Sony-Tape vom Einkauf mit nach Hause gebracht, am besten noch in 120 min. oder gleich 60 min. und Metal, damit man mal den Typ IV-Bandsortenwahlschalter des Recorder nutzen kann. Diese Tape-Fanboys und -Fangirls hatten zuhause ja auch oft ein Cassettendeck mit sinnfreien Rauschunterdrückungssystemen wie Dolby S oder HX Pro in Gebrauch (Vatis Nakamichi-Deck vom Vorjahr), aßen komischen Salat (Waldorf), besuchten noch komischere Schulen (Waldorf) oder nächtigten in Hotels, bei denen die Übernachtung so viel kostete, wie ein Fünfer-Pack Denon Metal-Tapes (Waldorf Astoria).

Abschiedsvideo von TDK mit Bildern von 1990 (Foto: TDK)

Abschiedsvideo von TDK mit Bildern von 1990 (Foto: TDK)

Für die Wissenden gab es in den Zeiten, als wiederbespielbare Tonträger nichts anderes als Bandmedien waren, eigentlich nur Maxell oder TDK. Hier konnte man sicher sein, dass das CrO2-Band nach 27 Lösch- und Bespielvorgängen immer noch seinen Dienst tat. Und zwar in jedem Deck, das Typ II-tauglich war – also wirklich allen. Maxell versus TDK, das war sowas wie Fila versus Sergio Tacchini: Man befand sich zwar stets in einem von zwei möglichen Lagern, konnte sich aber im Regelfall auch ohne Faustkampf miteinander darüber verständigen, dass man in Punkto Tape alles richtig machte. Ob eine SA-X 90 (TDK) oder eine XL II-S 90 (Maxell) als Aufnahmemedium diente, das waren dann Details.

In die Haare bekam man sich dann schon eher, wenn es darum ging, welche Cassetten-Deck zu benutzen waren: Sind Doppel-Decks überhaupt erlaubt? Darf man Dolby B nutzen – oder verschwindet damit die Brillianz der Rückkoppelungen in den Stücken auf Daydream Nation von Sonic Youth oder ein Teil der Zug- und Bahnschwellengeräusche am Beginn von Bullet Train to Osaka von Smashing Pumpkins – letzteren Song hatte man zuvor mühevoll von der Single B-Seite irgendeiner Import-Pressung aufgenommen, nachdem man deren Besitzer zuvor erst wochenlang beknien und bestechen musste? Müssen es bei einem für einen Battle geeigneten Recorder denn drei Motoren und drei Tonköpfe sein? Was war satisfaktionsfähig: Sony oder Aiwa? Onkyo oder Akai? Teac oder Technics? Und überhaupt: Hatte es jemals ein Leben vor der Hinterbandkontrolle gegeben; sollte man beim Einmessen des richtigen Pegels auf die Anzeige eines VU-Meters vertrauen, oder auf die elektronischen Anzeigen mit ihren roten und grünen Leuchtelementen?

TDK - Letzter Gruß an die Londoner (Foto: TDK)

TDK – Letzter Gruß an die Londoner (Foto: TDK)

Wie mit der Technik, geht es mit B2C-Marken: Der Letzte macht das Licht aus. So auch kürzlich am Piccadilly Circus. Der Ort steht in Europa seit Jahrzehnten als Symbol für großformatige Out-of-Home-Werbung in knallig-bunten Farben. Anfangs verschönerten große Neon-Werbeflächen den Platz. Und alles was Rang und Namen hatte, versammelte sich dort – selbstredend auch die großen japanischen CE-Brands. Allerdings hatte bisher nur noch TDK als letzte verbliebene japanische Consumer Electronics-Marke hier Präsenz gezeigt. Das ist seit wenigen Tagen Geschichte. Jetzt hat TDK nach einem Vierteljahrhundert Werbepräsenz seine zuletzt 2005 renovierte Werbefläche abgeschaltet. So wie zuvor Fujifilm, Panasonic oder Sanyo.

Von 1990 bis 2015 hatte TDK mit einer Neon-Reklame auf sich aufmerksam gemacht – in den vergangenen zehn Jahren war es das 21,11 m x 4,8 m Outdoor LED Videoboard, das man für Bewegtbild-Content genutzt hatte. Der Screen mit 101,3 m² Werbefläche gehört zu den von Wildstone unter dem Begriff One Piccadilly vermarkteten Werbeflächen. Das TDK Board wird als The Curve vermarktet.

An dem gesamten Werbeplatz mit bis zu 100 Millionen jährlichen Besuchern wurden in jüngerer Vergangenheit vier von sechs LED Videoboards (TDK, Hyundai, McDonald’s und Piccadilly 1) von der Beaver Group gemanagt. Die Boards stammten zumindest teilweise von Barco, als Content Management System kam Scala zum Einsatz.

Nun verabschiedete sich der Konzern von den Londonern mit einem „Thank you Piccadilly Cirus. Thank you London.“ Zum Abschluss zeigte TDK auf dem Videoboard auch, wie man über die Jahre am gleichen Platz geworben hatte, 1990 etwa noch mit grüner Farbe hinter Logo und Markennamen. Das Abschieds-Video war ein 30-Sekünder mit dem Hintergrund der Entscheidung, auf Digital-out-of-Home an diesem prominenten Werbeplatz zu verzichten – TDK konzentriert sich nun endgültig auf das B2B-Geschäft, so wie Maxell. Zumindest bislang wirbt TDK in DooH noch am Times Square, teilweise gemeinsam mit Toshiba.

So ist auch eine weitere der letzten Botschaften von TDK zu verstehen, die über das Board flimmerte: „We will continue to paint a bright future with our original technologies.“ An der bisherigen Stelle wirbt statt TDK nun der TV-Sender ITV. Letzter am Circus verbliebener Werbungtreibender aus dem Bereich CE ist aktuell Samsung.

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