Serie Banking 2.0

Deutsche Bank und Postbank – Filialkonzepte in der Krise

- Radikale Cuts bei der Deutschen Bank: Im Handelssaal – dem Investmentbanking – wird ausgebaut; die Anzahl der Filialen wird radikal gekürzt; die Postbank steht zum Verkauf. Trotz Flagship Filialen und Forschung sind deutsche Retail Banken derzeit in Europa noch nicht innovativ genug, sagen auch Experten. von Thomas Kletschke

Viele Szenen, ein Konzern: Kundin am Schalter, Händler im Handelssaal, Zentrale der Postbank, Mobile Banking, Q110 Fililale (Fotos: Deutsche Bank; Postbank Montage: invidis)

Viele Szenen, ein Konzern: Kundin am Schalter, Händler im Handelssaal, Zentrale der Postbank, Mobile Banking, Q110 Fililale (Fotos: Deutsche Bank; Postbank. Montage: invidis)

Wohin steuert die Deutsche Bank? Angesichts des angekündigten und unabwendbaren Radikalschnitts bei der Filialstruktur werden die aktuell desaströsen Zahlen dafür sorgen, dass die Deutsche Bank bald eine Lücke auf der Deutschlandkarte hinterlässt, die Lücke in der Fläche.

Damit steht sie nicht allein. Weder im Konzern noch in der Branche.

Auch bei der Postbank, die zum Kauf steht, dürfte dieses Jahr im Zeichen von Rationalisierung bei gleichzeitiger Digitalisierung verlaufen.

Andere Banken mit Privatkundengeschäft haben in Teilen ähnliche Herausforderung beim Auf- und Umsetzen durchgehender Multichannel oder Omnichannel Strategien.

Ein Satz bringt das auf den Punkt, ein Satz wie ein Faustschlag: „German banks are below average in service delivery speed, even though consumer expectations have substantially evolved“. – In einer europaweiten Studie hatten Retail Bank Experten von Roland Berger im Dezember 2015 aufgezeigt, wo Filialbanken heute stehen, und wie sie die Digitalisierung nutzen müssen, um einem drohenden Minus von 30% an Erträgen zu begegnen.

Insgesamt wurden 65 europäische Banken aus vier Regionen untersucht – aus Deutschland und der Schweiz (Region CE) wurden insgesamt 13 Institute ausgewählt. Die deutschen Retail Banken sind unterdurchschnittlich auf Chancen und Fallstricke von Multichannel ausgerichtet, so eine These des „Executive Retail Banking Survey: Digital Transformation“.

Ein Beleg: „76% of banks (100% of German banks) – Lose information when switching a client between digital and physical channels“. Der Kunde wird nicht in seiner Gesamtheit von der Bank wahrgenommen, die Integration der Kanäle stellt also noch eine Baustelle bei deutschen Finanzinstituten dar.

Wolfgang Hach, Partner von Roland Berger, und Co-Autor Sebastian Steger warnten davor, was passiert, wenn die Kundinnen und Kunden die Hausbank einfach mal verlassen. Für immer – weil innovative Angebote fehlen. „Die Kunden wandern früher oder später zu digitalen Wettbewerbern ab. Das zieht die Umsätze nach unten“, so Hach damals.

Trotz 20% Anteil für Digitalisierungsaufgaben bei den IT Budgets der deutschen Banken liege noch einiges vor ihnen. Steger und Hach machten seinerzeit auch „Widerstände in der Organisation, Bestehendes zu verändern“ aus.

Zu einem radikalen Schritt kommt jetzt die Deutsche Bank. Angesichts des historisch großen für das Gesamtjahr 2015 erwarteten Verlusts von 6,7 Milliarden Euro nach Steuern wird der bereits seit längerem beschlossene Einschnitt bei den Filialen nun wohl tiefer erfolgen, als von manchem angenommen.

Deshalb schrieb John Cryan, Co-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, seinen Mitarbeitern in einem im Web veröffentlichten Brief, sie erwarte in den kommenden beiden Jahren „harte Arbeit und Belastungen durch Kosten für die Restrukturierung der Bank“.

Im Konzern wird das den Unternehmensbereich Private & Business Clients (PBC) treffen. Über 9.000 Stellen weltweit werden gestrichen, 200 von rund 700 Filialen sollen geschlossen werden.

Dann ist da noch die Postbank, eine Besonderheit in der deutschen Bankenlandschaft. Sie gehört zu 100% der Deutschen Bank; erst am 21. Dezember 2015 wurde der Handel mit der Aktie eingestellt.

Gehandelt werden die Marke Postbank und ihr deutschlandweites Filialnetz auf dem Markt für Bankenübernahmen. Sprich: Die Deutsche möchte die Postbank lieber heute als morgen losschlagen.

Mergers hin, Acquisitions her: Auch das Filialnetz sowie der Innovationsgrad bei der Postbank werden wohl im Jahr 2015 stark im Fokus stehen. Einmal intern, um einen möglichen Verkauf oder eine Fusion zu guten Konditionen vorzubereiten. Zudem auch im Verhältnis zu den Kunden. Bislang kann vor allem die Postbank auf eine breite Kundenbasis verweisen.

Mittelbar und mittelfristig haben die beiden Institute wie so mancher Konkurrent einen weiterhin hohen Bedarf an integrierten Konzepten, die die verschiedenen Digital Touchpoints zusammenführen helfen, die die im Einzelhandel schon länger und noch stärker angegangenen veränderten Kundengewohnheiten berücksichtigen.

Allerdings bedeutet eine Verkleinerung der Filialstruktur – und die ist bislang zumindest bei der Deutschen Bank beschlossen – möglicherweise einen vertikalen Markt, der weniger in laufende Digital Signage und Multichannel Roll outs investiert. Etwa, wenn unklar ist, welche Filialen geschlossen werden.

Momentan und auf absehbare Zeit werden die Deutsche Bank und die Postbank sehr mit sich selbst beschäftigt sein.

Möglicherweise inspiriert das die Finanzbranche allgemein, darüber nachzudenken, warum Banken in Westeuropa Kundenorientierung weniger wichtig nehmen, wie ihre Wettbewerber in anderen Regionen der Welt. Angesichts jederzeit verfügbarer Services von internationalen Fintechs liegen USA und Asien nämlich heutzutage bei Payment und Banking deutlich näher, als noch vor zehn Jahren.

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