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Vorauswahl ESC – Digital Signage killed the Radio Star

- Hart und ungerecht ist die Welt: LaBrassBanda (LBB) schafften es im nationalen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2013 nur auf den zweiten Platz. Während sich in Niederbayern, Schwaben und Oberbayern sowie den generell mit musikalischem Geschmack erster Güte gesegneten Gegenden Rest-Deutschlands erste Protestzüge formieren, um gegen die „Schmach von Hannover“ zu demonstrieren, zeigt sich: Digital Signage zieht den Bayern die Lederhosen aus. von Thomas Kletschke

LaBrassBanda schauen gut aus auf dem Plakat - aber auf den Video-Displays in Hannover glänte Cascada (Foto: La Brass Banda.com)

LaBrassBanda schauen gut aus auf dem Plakat – aber auf den Video-Displays in Hannover glänzte Cascada (Foto: La Brass Banda.com)

Kummer, Wut und alles Grämen nützen nun nichts mehr. Die Hörenden wollten LBB – Deutschlands Radiohörer „draußen an den Empfangsgeräten“, via Streams und Satellit wollten LaBrassBandas „Nackert“. Die sympathischen Blasmusik-Ska-Punks mit Street Credibility wurden von einem 1992er-Euro-Disco-Klon namens Cascada von der „Autobahn“ gefegt. Letztere hätten LBB – die bereits auf „HabedieEhre“ ihren genialen Umgang mit Verkehrs-Metaphern virtuos unter Beweis stellten – gerne mit dem Bulldog (sprich: „Bullock“) auf dem Weg nach Malmö befahren.

Selbst gestandene Ruhrpott-Rockabillies gestehen ein: “ Trecker fahr’n is‘ getz nich'“ . Zumindest nicht nach Schweden. Fans von Blasmusi und Lederhosen-Ska müssen nun stark sein. Und die traurige Wahrheit muss benannt werden: Digital Signage killed the Radio Star.

Statt eines süddeutsch gefärbten Siegeszugs ergießt sich nun beim Eurovision Contest 2013 in Malmö eine Song-Soße von Cascada – „Glorious“ genannt. Rhythm is mal wieder ein Dancer gewesen beim Vorentscheid in Niedersachsens Metropole an der Leine. Wer es noch nicht kennt, das Siegerstückchen: Rhythmus geht so: „römbömmböm, römbömmböm“.

Die Branche hat ihre Unschuld verloren

Eine invidis-Schnellanalyse kommt zu dem Schluss, dass die Bilder den guten Ton überlagerten: LaBrassBanda unterlagen dem optischen Feuerwerk aus Displays in allen Größen und Formen, die die Veranstaltung ins rechte Licht setzten. So sollen erste auf Signage spezialisierte Consultants, die schon jede Bildröhre gesehen haben, in Tränen ausgebrochen sein. Selbstzweifel waren am heutigen Freitag die Folge: Wie können wir weiter auf die Macht des Bewegtbild-Content setzen, sexy Technik empfehlen? Wenn dann so ein finstrer Glorien-Schein seine Schatten wirft? – Die Branche hat ihre Unschuld verloren, steht „nackert“ da.

Die Zuschauer im Saal waren geblendet. Dass die von Mary Roos angeführte Jury den LBBs den Garaus machte, tat sein Übriges. Inzwischen machen Horrorszenarien in den Beratungs-Büros die Runde.

Fiese Planspiele: „Deutschland sucht das Ultra-Talent“ – via DooH

Das Blut in den Adern gefriert. Denn Kreise bestätigen erste grausame Planspiele bei Ströer, Wall AG und Konsorten: künftig könnten die DooH-Netzwerke gleich das Live-Versenden kompletter Castingshows erledigen. Digitale Stelen blinken auf Deutschlands Straßen. „Deutschland sucht den Superstar“ nonstop in Lufthansa-Lounges weltweit, Video Walls in Stadien übertragen während der Bundesliga-Saison simultan jede denkbare Castingshow. Erste Ultras lassen sich von dem Out of Home-Media-Fieber infizieren und schwenken überdimensionierte Fahnen mit QR-Codes, die zur Wahl des nächsten „Ultra-Talents“ aufrufen. Ein einziges „Römm, Römm, Römmbömmbömm“ hallt durch Bahnhofshallen, Dieter Bohlens Stimme an jeder Straßenecke.

Deshalb mahnen wir an: Bitte, liebe Vermarkter, bitte, liebe Agenturen. Haltet ein – und lasst den Dschungel dort, wo er hingehört. Ins kleine Eckige. Wie fragte schon Deutschlands zweitwichtigster Medientheoretiker Harald Juhnke: „Barfuß oder Lackschuh?“ – Sie haben die Wahl. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.

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