Healthcare

TV-Wartezimmer expandiert nach Österreich

Seit 10 Jahren ist TV-Wartezimmer am Markt. Im invidis-Interview gewährt Markus Spamer einen Ausblick auf die gerade beginnende Expansion nach Österreich - und erzählt, wie es zur Firmengründung kam.
Zentrale in Freising: laufendes Programm der Contentpartner (Foto: TK/ invidis.de)
Zentrale in Freising: laufendes Programm der Contentpartner (Foto: TK/ invidis.de)

invidis: Herr Spamer, wie kam es zur Gründung von TV-Wartezimmer?

Markus Spamer: Ein Lerneffekt aus meiner früheren Tätigkeit bei einem Betreiber eines Tankstellen-TV, einem der ersten DooH-Netzwerke in Deutschland überhaupt, war: Der Standortpartner muss contentseitig immer im Fokus stehen. Erst dann entsteht, quasi als gewollter Nebeneffekt, eine hochwertige Werbeplattform. Die Tankstellenpächter durften zwar den Strom und die Datenanbindung bezahlen, ihre Waschstraße bewerben durften sie jedoch nicht. Dementsprechend waren die damals motiviert…

invidis: Der Weg führte Sie dann aber weg von der Tankstelle. Denn Sie haben sich für Arztpraxen als Standort des Netzes entschieden.

Markus Spamer: Die Arztpraxis war und ist ideal für ein Bewegtbildmedium: Im Schnitt 48 Minuten Wartezeit, Einraumsituation mit no-escape-Faktor, ein Arzt, der zunehmend ein Kommunikationsproblem hat – kaum Zeit für individuelle Beratung, 50x am Tag die gleichen Fragen – Patienten, die mehr Informationen verlangen usw. Wir sind Kommunikationspartner des Arztes. Wir verschaffen ihm einen wesentlichen Nutzen – und er zahlt dafür. Der Mediziner und seine Praxisleistungen für die Patienten stehen im Mittelpunkt. Marketing war bisher für die meisten Ärzte ein Fremdwort. Das hat sich – auch durch uns – geändert. Zudem hat sich der Gesundheitsmarkt gewandelt. Ein Beispiel: Vor der Praxiseröffnung und einem Bankkredit müssen die Mediziner heute einen Businessplan vorlegen. Ein Marketingplan ist ein Teil davon, kommt aber im Medizinstudium nicht vor.

Markus Spamer (Foto: TV-Wartezimmer)
Markus Spamer (Foto: TV-Wartezimmer)

invidis: Auch die Patienten sollen etwas vom TV-Wartezimmer haben?

Markus Spamer: Selbstverständlich. Der Patient sucht, ja verlangt heute mehr Information, Beratung und Orientierung. Mediziner sind immer stärker gefordert. Sie stehen unter „Zugzwang“, der patienteneigenen, ungefilterten „Google-Diagnose“ ein eigenes, seriöses Informationsangebot entgegenzustellen. Hier setzt TV-Wartezimmer an. Aus den aktuell über 600 Filmen mit Patienteninformationen wählt der Arzt vor Ort sein Programm aus. So kann er besondere Themen setzen, passend zu seinen Patienten (Geriatrie, …), passend zur Jahresszeit (Grippeschutz, …) und immer passend zum Praxisangebot. Dabei ist die Aufmerksamkeit sehr hoch. Die Menschen werden in einer Wartesituation abgeholt, und können Display und Bewegtbildinhalt bequem von jedem Platz im Wartezimmer aus gut sehen. Da hilft uns die wartezimmertypische Einraumsituation enorm.

invidis: Zu dröge soll es aber auch nicht werden, oder?

Markus Spamer: Keinesfalls nur Medizin. Da haben Sie vollkommen recht! Wir bieten hochwertige und exklusive Inhalte mit namhaften Partnern. Dazu gehören ZDF enterprises, Welt, Rheinische Post, Hamburger Abendblatt sowie der Klambt- und der Ehapa-Verlag.

invidis: TV-Wartezimmer ist bisher nicht werbefinanziert. Soll das so bleiben?

Markus Spamer: Nein. Ärzte zahlen heute für das Programm und unser komplettes Hardware- und Dienstleistungspaket. Erlöse aus Werbevermarktung sind für uns bisher nur die Sahne auf dem Kaffee. Nachdem wir – ohne aktive Vermarktung – in den letzten Jahren jedoch schon zahlreiche namhafte Werbekunden für TV-Wartezimmer gewonnen haben, bauen wir erst jetzt eine eigene Vermarktungsunit auf. Ziel ist, tatsächlich eines Tages werbefinanziert zu sein und so das Plattformwachstum weiter deutlich zu beschleunigen. Hier sind wir aber eben nicht getrieben, können uns vielmehr Werbekunden und Kampagnen qualitätsorientiert aussuchen. Dabei kommen teilweise sehr interessante und ganz spezielle Kampagnen zustande. So hat die Deutsche Telekom beispielsweise in Zahnarztpraxen für die Auskunft 11833 geworben und das geschickt mit Tipps für lokale Suche von Gastronomie verknüpft: ‚Wollen Sie Ihre neuen Zähne gleich ausprobieren?‘

invidis: Wie war der der Start?

Markus Spamer: Aller Anfang ist schwer, wie wohl in jedem Geschäft. Viele haben uns in dem Markt mit „länger als ein halbes Jahr geben wir Euch nicht“ begrüßt. Wenn man die Historie kennt und weiß, dass es die ersten Versuche mit Bewegtbild im Wartezimmer schon in den 80er Jahren gab, damals noch mit Bildplattenrekordern, dann konnte man diese Erwartungshaltung auch durchaus nachvollziehen. Noch dazu kommen wir nicht aus der Medizin, sondern aus der Medienbranche. Aber vielleicht ist genau das einer der Schlüssel zum Erfolg gewesen: Wir behaupten nicht zu wissen, was unser Kunde Arzt an Inhalten braucht, wir fragen ihn und setzen gewünschte Inhalte dann professionell um. Der Arzt bestimmt bei uns was läuft, wir kümmern uns dann um die Umsetzung!

Testumgebung bei TV-Wartezimmer (Foto: TK/ invidis.de)
Testumgebung bei TV-Wartezimmer (Foto: TK/ invidis.de)

invidis: Nach zehn Jahren, gibt es da nicht jede Menge Stammkundschaft?

Markus Spamer: Oh ja. Auch unser Kunde der ersten Stunde, ein Arzt aus Dresden, nutzt immer noch TV-Wartezimmer. Als wir damals das buchstäblich erste Display bei ihm installiert haben, hatten wir eigentlich noch keinen Content. Nur einen einzigen Tierfilm, den wir via USB-Stick auf sein System aufgespielt haben. Dieser eine Film lief dann fast drei Monate. Heute haben wir dutzende, exklusive Contentpartner wie die Heinz Sielmann Stiftung, Marco Polo Film Archive, SOS Kinderdörfer, die Welt, … dazu eine eigene Produktionstochter in Berlin, für medizinische Informationsfilme. Dort wurden bereits über 600 patientengerechte Filme zu Vorsorge- und Therapieleistungen erstellt, aus denen unsere Kunden auswählen können.

invidis: Wie halten Sie Kontakt zu den Ärzten?

Markus Spamer: Da läuft viel übers Telefon. Wir haben sogar ein eigenes gebrandetes Telefon, das die Ärzte nutzen können. Das hat nur drei Tasten. Und eine ist dann so programmiert, dass der Kunde direkt hier im Service Center in Freising bei seinem persönlichen Serviceteam rauskommt, um beispielsweise das Programm ändern zu lassen.

invidis: Beim Rundgang vorhin haben Sie mir Ihr Labor gezeigt. Was hat es damit auf sich?

Markus Spamer: Bei 6.300 Praxen mit etwa 6.750 Screens und unterschiedlich langen Laufzeiten der Verträge stellt sich schnell die Frage: Passt die Hardware vor Ort zum Content, den wir von hier aus einspielen? Die Displays ändern sich, neue Mediaplayer kommen hinzu. So werden etwa Flashdateien auf unterschiedlichen Gerätekombinationen auch unterschiedlich schnell abgespielt. Also testen wir hier jeden neuen Content auf allen möglichen Hardwarekonfigurationen und -kombinationen.

invidis: Es werden also nicht in jeder Praxis die Geräte regelmäßig ausgetauscht?

Markus Spamer: Nein, nicht immer. Manche Ärzte, die schon daran denken, ihre Praxis in ein paar Jahren abzugeben, zögern manchmal. Und behalten lieber die bisherige Technik – hängen manchmal dann doch wieder ein paar Jahre Tätigkeit als Arzt dran. Das führt dazu, dass es durchaus da draußen auch einige Praxen gibt, die Displays nutzen, die schon sechs bis acht Jahre auf dem Buckel haben. Das sind die absoluten Ausnahmen – aber auch da muss jeder Content natürlich funktionieren. Wir versorgen die Praxen mit Programm, also auch die mit älteren Geräten. Und die im nahen Ausland. Es gibt schließlich Standorte in Luxemburg und Belgien, der Schweiz und in Ungarn. Auch wenn es in Ungarn lediglich ein deutscher Zahnarzt ist, der nach dem Umzug so überzeugt war, das System auch dort einsetzen zu wollen.

invidis: Wie wird die Zukunft von TV-Wartezimmer aussehen?

Markus Spamer: Glänzend (lacht). Im Ernst: Wir möchten weiter wachsen – und natürlich auch Neues ausprobieren. Dazu gehört auch die Expansion ins Ausland. Ab 1. Oktober übernehmen wir zunächst 800 Screens des österreichischen Anbieters Vita TV, haben dann in Österreich insgesamt bereits über 1.000 Systeme und sind dann auch dort größter Anbieter von Wartezimmer TV.

invidis: Werden Sie beide Kanäle übernehmen?

Markus Spamer: Wir übernehmen vom österr. Apothekerverlag nur die 800 Wartezimmer-TV Systeme, eben Vita TV. Die Systeme in Apotheken, das „Gesundheits-TV“, betreibt der Apothekenverlag weiter, wobei wir natürlich wegen der Nähe durchaus die eine oder andere Synergie in der Vermarktung sehen.

Herr Spamer, danke für das Gespräch!