EU-Studie

Banker und eigene Planlosigkeit behindern die Kreativwirtschaft

- Europas Kreativwirtschaft droht bis 2020 eine Finanzierungslücke von 13,4 Milliarden Euro. Branchenfremde geben ungern Kredit. Aber nicht nur die Banker sind schuld – gerade deutsche Firmen haben Nachholbedarf bei der Businessplanung. von Thomas Kletschke

Kreativwirtschaft und Finanzinstitute: Nur wenige Kreativ-Unternehmer verlassen die Bank mit einem Lächeln (Foto: Bayern LB)

Kreativwirtschaft und Finanzinstitute: Nur wenige Kreativ-Unternehmer verlassen die Bank mit einem Lächeln (Foto: Bayern LB)

Die Milliarden-Lücke entspricht den Investitionen, die unterbleiben, weil Unternehmen mit einer soliden Geschäftsstrategie und gutem Risikoprofil ein Darlehen verweigert wird oder weil sie sich gar nicht erst darum bemühen, da sie keine ausreichenden Sicherheiten anbieten können.

Die Studie „Survey on access to finance for cultural and creative sectors“ der EU-Kommission zeigt, wie leistungsstark Europas Kultur- und Kreativbranche ist: Insgesamt gibt es in der Europäischen Union knapp 1 Million Unternehmen im Bereich CCS (cultural and creative sector). Die meisten dieser Firmen – gut 146.000 – sind in Italien angesiedelt. Deutschland kommt mit etwa 88.000 an dritter Stelle nach Frankreich und vor Großbritannien. In Österreich sind der Studie zufolge rund 16.500 Unternehmen in dem Sektor tätig.

Hohe Gewinnspannen mit Kunst und Co.

Auch branchenfremde Finanziers könnten davon profitieren. Denn die Gewinnspanne der Kultur- und Kreativbranche liegt über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Alle europäischen Kreativunternehmen zusammen haben einen Umsatz von 402 Milliarden Euro und einen Gewinn von 153 Milliarden Euro im Jahr 2010 erwirtschaftet, so die von EU-Kommissarin Androulla Vassiliou vorgestelllte Untersuchung. Vassiliou ist EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend.

Deutsche Unternehmen belegen mit einem Umsatz von gut 68 Milliarden Euro den zweiten Platz nach Großbritannien. Im Markt UK werden mit rund 76 Milliarden Euro etwa 8 Milliarden Euro mehr im Bereich CCS umgesetzt. Die Studie bietet weitere interessante Einblicke, die auch als Argumente bei der Suche nach Finanzinvestoren oder anderen Kreditgebern dienen können. So weist sie einen zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und -Alter nach. Je länger eine Firma am Markt ist, um so größer ist sie in der Regel.

Mikrokredite und die Angst vor dem Aufwand

Gerade „größere Klein-Unternehmen“ benötigen Finanzmittel. Allerdings sind Bankmittel meist nur kurzfristig und projektbezogen zu ergattern. Das Gros der Kreativfirmen müsse sich EU-weit zumeist mit Mikrokrediten im Bereich von 25.000 Euro arrangieren. Diese sind allerdings nur ein Finanzierungsinstrument, das die Firmen in Erwägung ziehen sollten. In der Branche gibt es der Studie zufolge „eine große Mutlosigkeit, was die Bewerbung hinsichtlich externer Finanzierung betrifft“. Die am häufigsten genannten Hindernisse sind die wahrgenommene Komplexität einer Bewerbung um externe Finanzmittel, der erforderliche Zeitaufwand und ein Mangel an genügend Vermögenswerten, die das Unternehmen als Sicherheit anbieten könne.

Bürgschaftsprogramm ab 2016

Die Studie soll auch deshalb helfen, neue EU-Strategien zu erarbeiten, die die Kultur-und Kreativbranche in Europa unterstützen, wie beispielsweise die neue Bürgschaft des EU-Programms Kreatives Europa.

Die Bürgschaft soll ab 2016 zur Verfügung stehen – vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sollen so unterstützt werden, indem das Kreditrisiko der Banken bei Darlehensvergabe gesenkt wird. Über das Programm Kreatives Europa werden über 120 Millionen Euro für die Bürgschaftsfazilität bereitgestellt, und es wird erwartet, dass so über 750 Millionen Euro an erschwinglichen Darlehen mobilisiert werden können. Das Gros der Mittel für das Programm soll indessen weiterhin in nicht rückzahlbare Zuschüsse fließen.

Nachhilfe für Banker und Kreative

Parallel zur Bürgschaft will die Kommission die Banker zur Nachhilfe in Sachen Kreativwirtschaft verdonnern. Umgekehrt sollen auch die kreativen KMUs mehr Sinn für Bilanz und Buchhaltung bekommen. Denn man will „den Kenntnisstand von Darlehensgebern und den kreativen Darlehensnehmern verbessern, um eine höhere Kreditwürdigkeit von KMU in der Kultur- und Kreativbranche zu erreichen“.

Zwei Drittel der deutschen Kreativfirmen haben keinen (Business)-Plan

Im EU-Schnitt denken weniger als die Hälfte der CCS-Firmen mittelfristig: Insgesamt haben lediglich 41% einen Businessplan mit einem Horizont für die kommenden 3 Jahre. Dabei gibt es ein Nord-Süd-Gefälle: Während 51% der nordeuropäischen Kreativunternehmen einen Businessplan für die nächsten 36 Monate vorweisen können, gibt es einen großen Nachholbedarf bei deutschen Firmen. Denn lediglich 33% der deutschen Kreativfirmen planen so weit im Voraus. Allerdings steigen Neigung und Fähigkeit zur Langfristplanung mit Zunahme der Unternehmensgröße an. Man könnte die Daten auch so interpretieren, dass es viele kleine Firmen bis dahin nicht geschafft haben – und wieder in der Versenkung verschwinden.

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