Handel

Das sind die neuen Apotheken – Schubladendenken adé

- Immer mehr Apothekerinnen und Apotheker setzen auf moderne Ladenbau- und Signage-Konzepte. Gesucht ist der Kunde – denn vom Patienten allein lebt die Branche längst nicht mehr so gut wie früher. von Thomas Kletschke

Mehr Kunde, weniger Patient: Die Apothekenlandschaft ändert sich (Screenshots und Montage: invidis.de)

Mehr Kunde, weniger Patient: Die Apothekenlandschaft ändert sich (Screenshots und Montage: invidis.de)

Sie heißen Apotheke 4.0, Die Neue Apotheke oder Westgate: Hierzulande machen eine Reihe von Apotheken vor, dass man anstelle von traditionellen Medikamenten-Verorgungseinrichtungen mit dem Flair des ausgehenden 20. Jahrhunderts auch modern anmutende, technisch perfekt ausgestattete und dientsleistungsorientierte Apotheken bauen und betreiben kann.

Immer mehr deutsche Apotheken lernen dabei vom Einzelhandel: Einerseits setzen sie auf topmoderne Warenwirtschaften, noch genauere Bestellsysteme und Sortieranlagen im Innern, die die klassischen Schubladen in den Verkaufsbereichen überflüssig machen. Davon profitiert der Ladenbau: aufgelockert kommen Apotheken daher. Statt Thekenfront finden sich kreisrunde Counter in der Mitte der Apotheke – und das nicht bloß in Neubauten von Newcomern, sondern in traditionellen Apotheken wie Münchens Rosenapotheke am Marienplatz.

Large Format Displays und bunte Akzente

Es geht aber noch mehr: So setzt Die Neue Apotheke in Herne-Wanne mehr als 20 Large Format Displays ein, große 55-Zöller von Samsung. Mit Digital Signage sowie farblichen Akzenten bei der Dienstkleidung setzt man sich von Mitbewerbern ab. Und in Berlin könnten Besucher der Apotheke 4.0 sich in einem gut gehenden Modegeschäft wähnen, so angenehm ist die Ausstattung, die eine virtuelle Sichtwahl von Dienstleister Optimum Media/ Apo TV.com beinhaltet. Konzepte wie das der Westgate-Apotheke in Köln, die von der Ben Hur GmbH ausgestattet wurde, sind bereits mehrfach preisgekrönt, was zusätzlich zur Kundenbindung beitragen kann.

Die neuen Flagship-Apotheken

„Analog zur Modebranche gibt es aktuell eine starke Tendenz, auch bei Apotheken so etwas wie Flagship-Stores, in denen neue Innenarchitekturkonzepte getestet werden, aufzubauen“, sagt Marcel Becker im invidis-Gespräch. Der Geschäftsführer von Apovid sieht verschiedene Gründe dafür. „Gab es hierzulande früher 21.500 Apotheken, so sind es derzeit nur noch 21.000 Apotheken. Diejenigen, die fast nur vom Rezeptverkauf leben, haben es tendenziell deutlich schwerer als ihre Kollegen, die große Umsätze mit freiverkäuflichen Mitteln generieren.“

Deshalb gebe es den Trend „weg vom Apothekenimage“, so der Experte. „Die Apotheken möchten weniger das reine Gesunheitsthema und den Arzneimittelverkauf betonen, sondern auch ein Shopping-Erlebnis erzeugen“, hat Becker beobachtet. „Heutzutage begrüßen sie die Menschen mehr und mehr auch als Kunden – und nicht nur als Patienten“, so Marcel Becker weiter.

Displays in verschiedenen Bereichen der Apotheke

Generell sind die neuen Apos mit Konzepten unterwegs, die an die Gestaltung mancher Parfümerien und Drogerien angelehnt sind. Dabei spielt Digital Signage eine große Rolle. „Zum einen werden Displays direkt an den Kassenbereichen eingesetzt“, sagt Becker. „Immer häufiger finden sich auch Large Formats oder sogar Video Walls an den Wänden hinter den Kassen“, stellt der Apothekenexperte fest. Der Vorteil: Kunden, die in der dritten oder vierten Reihe warten, werden informiert und unterhalten. „Sie sind in dieser Position sogar empfänglicher als Kunden, die sich gerade im Beratungsgespräch mit einer Apothekerin, einem Apotheker oder einer PTA befinden.“

Technologische Neuerungen, wie moderne Kommissionierungsautomaten erleichtern nicht nur die Arbeitsprozesse in den modernen Apotheken, meint Marcel Becker. „Sie führen zusätzlich zu noch mehr Spielraum bei der Ladengestaltung. Etwa bei den ebenfalls immer öfter eingesetzten freistehenden Displays“, so der Experte.

Damit befinden sich Apotheken mit geringeren Rezeptanteilen auf dem Weg zu dienstleistungsorientierteren Angeboten mit mehr OTC-Geschäft und freiverkäuflicher Ware – und individuelleren Signage-Lösungen.

3 thoughts on “Handel: Das sind die neuen Apotheken – Schubladendenken adé

  1. Schick, schick, aber…
    1.) Konnte bisher eine signifikante Steigerung des Rohertrags mit dem Umbau verzeichnet werden, sofern es sich nicht um eine Neugründung handelt, bzw. diese Steigerungen dem Einsatz der digitalen Medien zugeordnet werden?
    2.) Ist das wirklich die richtige Positionierung für eine Apotheke im Ärztehaus oder in Wohnortnähe?
    3.) Folgt hier etwa die Funktion dem Design?
    4.) Auf wieviele Standorte in D liessen sich diese Ladenbaukonzepte tatsächlich anwenden – von den derzeit rund 20.600 Standorten? Exponierte Lagen wie diese liegen nach meiner Kenntnis bei 7-10% der Apothekenstandorte…
    5.) Digital Signage mit dem Ziel, die Positionierung des pharmazeutischen Personals als Gesundheitsdiensleister zu stärken, Impulsverkauf zu steigern, die Verweildauer der Kunden und damit den Warenkorb zu erhöhen und kundenorientierte Multichannelansätze zu bieten, halte ich absolut für den richtigen Weg – vorausgesetzt die Investition steht im Verhältnis zum Ergebnis ;-)

    • Sehr geehrter Leser Ferdi 44,

      wir teilen ihre Skepsis: Diese Art von Apotheken-Digital Signage ist nur für einige ausgewählte Flagship-Apotheken sinnvoll (vielleicht 3-5% aller Apotheken). Für hochfrequente, umsatzstarke Standorte mit dem passenden Ladenlokal (zusätzliche Fernwirkung durch Schaufenster ist hilfreich) können diese innovativen Lösungen die richtige Plattform sein.

      Für den Großteil der Apotheken gibt es ja zahlreiche kostengünstigere Einzeldisplay-Lösungen.

      Florian Rotberg / invidis consulting

  2. Ich finde diese neuen Apotheken sehr interessant und auch ziemlich beeindrucken wie die Sortiersysteme im Hintergrund arbeiten. Die Apothekerin drückt ein paar Knöpfe und ein paar Sekunden später kommt das Päckchen durch die Sortieranlage befördert zur Kasse. Von dem ganzen Vorgang sieht man natürlich nichts, daher würde es mich schon mal reizen zu sehen wie das alles funktioniert.

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