Omnichannel

Warum der Amazon-Shop in New York ein Thema für Handel und Banken ist

- Angeblich plant Amazon einen Shop zu eröffnen – direkt gegenüber dem Empire State Building. Ob es sich dabei um einen Pop Up Store handelt, oder eine dauerhafte Präsenz: Allein das Gerücht ist ein Schuss vor den Bug sämtlicher Banken und Retailer. Beide Branchen müssen Omnichannel umsetzen – und das auch adäquat kommunizieren. von Thomas Kletschke

Obacht: Hier könnten bald "Ihre" Umsätze landen - Kassen im Zalando Outlet in Berlin (Foto: Zalando)

Obacht: Hier könnten bald „Ihre“ Umsätze landen – Kassen im Zalando Outlet in Berlin (Foto: Zalando)

Spricht man mit Entscheidern bei Kaufhausketten, Modeläden oder Fachgeschäften, erfährt man, dass sie seit einiger Zeit Angst haben. Ein Szenario vor Augen, dass ihre negativen Erfahrungen mit der Online-Konkurrenz noch toppen kann: Große Onlinekonzerne schlagen den umgekehrten Weg ein – und gehen nun ihrerseits in die Fläche. Eine Befürchtung, die auch immer mehr Banker diskret äußern.

Schon vor Jahren haben weite Teile des Handels sowie der Banken Umsatzanteile an reine Onlinefirmen abgegeben. Und längst nicht jeder Retailer hat es mit einer eigenen Onlinestrategie geschafft, die drohende Erosion im stationären Geschäft stoppen oder gar umkehren zu können.

Es gibt deutlich ungemütlichere Gelgenheiten einzukaufen: Zalando Outlet Store in Frankfurt (Foto: Zalando)

Es gibt deutlich ungemütlichere Gelgenheiten einzukaufen: Zalando Outlet Store in Frankfurt (Foto: Zalando)

Wie das Wall Street Journal in der vergangenen Woche berichtete, plant Amazon jetzt, einen Store in New York City zu eröffnen. Zum Weihnachtsgeschäft sollen dort Kunden Bestellungen abholen oder Retouren abgeben können. Dem Bericht zufolge könnte auch eine für den Raum New York gedachte Same Day Delivery-Logistik dort angesiedelt sein. Ein Riesen-Lager kann es auf keinen Fall sein – handelt es sich doch um eine Core-Immobilie mit entsprechenden Quadratmeterpreisen, direkt gegenüber dem Empire State Building gelegen. Möglicherweise ist das Ganze eine temporäre Veranstaltung und ein bloßes Pop Up Store-Konzept zum Weihnachtsgeschäft – obwohl schon Gerüchte die Runde machen, dass Amazon in weiteren US-Städten Ähnliches zumindest geplant hat.

Ob Dauer-Präsenz oder Pop Up: Amazon ist nur einer von mehreren Konzernen, die, wenn sie wollen, ein wenig Spielgeld in die Hand nehmen, um auf der Fläche auszuprobieren, wie man Offline- und Onlinewelt verbinden kann.

Zum Anfixen der Kunden, zum Aufbau eines größeren Marktanteils reicht das. Auch eine bisher als (Klein-)Investorengeld-Verbrennmaschine daherkommende Unternehmung wie Zalando wäre durchaus in der Lage, in der Fläche weitere Nadelstiche zu setzen. In Frankfurt am Main und in Berlin haben die Samwers schließlich schon die ersten beiden Outlet Stores eröffnet. Wie die Fotos zeigen: Auch Onliner können eine Einzelhandelsfläche bespielen – und mit Events wie Nachtverkäufen zusätzliches Interesse bei Kunden wecken.

Zalando Outlet Store in Berlin: Warenpräsentation (Foto: Zalando)

Zalando Outlet Store in Berlin: Warenpräsentation (Foto: Zalando)

Vorteil für die Onliner: Sie können, müssen aber nicht. Und wenn sie es tun, können sie jederzeit zurück. Für den stationären Handel gilt das nicht. Er muss Multichannel beziehungsweise Omnichannel in den Marktbereichen einsetzen, in denen es sich rechnen kann. Potenziell betrifft das den gesamten Textileinzelhandel – sieht man von Kleinst-Läden und Billigheimern einmal ab.

Nicht nur Online-Händler interessieren sich seit einiger Zeit für die Welt da draußen. Mit Facebook hat gerade wieder ein Unternehmen aus dem Web verkündet, künftig stark auf ortsbasierte Werbung setzen zu wollen. Das Real Time Marketing wird über kurz oder lang auch bei Google eine neue Dimension annehmen. Auch in diesen Fällen braucht es wenig Fantasie, um von reinen Mobile-Themen auf eine Kombination zu kommen, bei der der Händler oder seine Dienstleister gezwungen sein werden, einen Großteil der Werbespendings durch weitere Hände geben zu müssen.

Geldautomat der neuen Telenor Banka (Foto: Telenor Banka)

Geldautomat der neuen Telenor Banka (Foto: Telenor Banka)

Damit finden sich so unterschiedliche Gruppen wie Banken, Handelsunternehmen, Mediaagenturen, DooH-Netzwerkbetreiber und Dienstleister gemeinsam in einem Boot. Konzepte, wie man eine bessere Customer Experience schaffen, kann gibt es. Es gibt genügend große und kleine Dienstleister, die sie umsetzen können. Entsprechende Retail Labs gibt es auch schon – selbst in den entlegensten Winkeln der Republik.

Was die Strategie der Handelsunternehmen betrifft, muss man bis dato aber sagen: Entweder existiert sie nicht – oder wird zögerlich angegangen. Da wo es Umsetzungen gibt, werden sie kaum an die Endkunden kommuniziert. Die möchten aber eigentlich gerne von ihrem Glück erfahren. Wo sind beispielsweise die TV-Kampagnen, in denen eine Elektromarkt-Kette anteasert, dass man nun im ersten von geplant 30 Märkten Omnichannel-Leistungen anbietet? Oder: in welcher Schweinebauch-Printanzeige, in welchem Kundenmagazin thematisiert eine Supermarktkette ihre Gastro-Experimente?

Wer meint sexy zu sein, darf das auch ruhig kommunizieren: Am Set eines Telenor Banka-Werbespots (Foto: Telenor Banka)

Wer meint sexy zu sein, darf das ruhig auch so kommunizieren: Am Set eines Telenor Banka-Werbespots (Foto: Telenor Banka)

Das müssen sich neben dem klassischen Einzelhandel auch die Banken sagen lassen. Die werden zwar weniger von einem Amazon-Kaufhaus bedroht. Aber die Onlinekonzerne haben längst ihre Banklizenzen in der Tasche, bieten On- und Offline Paymentlösungen an, während es leider noch genügend Geldhäuser gibt, bei denen das User Interface so aussieht, wie das Wort „Geldautomat“ im 21. Jahrhundert klingt. Und deren nach außen getragener Content ausschaut wie 100% COBOL und „Rechenzentrum“.

Das so oder ähnlich gerne heruntergeleierte Banker-Mantra „Wir machen das extra so. Denn unsere Kunden haben sich seit 1958 nicht weiterentwickelt, sind sowas von konservativ, alt, vergreist und total Online-un-affin und mögen einfach diese Öffnungszeiten von 10 bis 12 Uhr an drei Tagen in der Woche und die schwarz-weiß-kopierten Aushänge in dem süßen Schaukasten unserer in schickem Beige-Braun gehaltenen Filiale“ klingt mehr nach Pfeifen im Walde, denn nach Strategie.

Auch so kann ein Bankautomat ausschauen  (Foto: Telenor Banka)

Auch so kann ein Bankautomat ausschauen (Foto: Telenor Banka)

Veränderung kommt dagegen von ganz anderen Playern – und die müssen keine Onlinekonzerne sein: In Ost- und Mitteleuropa gibt es erste Banken, die von Telco-Konzernen wie Telenor bloß wegen der Lizenz gekauft wurden – und nun als Bankfiliale im Handy-Shop neu aufgelegt wurden. Seit September ist Telenor Banka dabei, in Serbien den Bankenmarkt aufzuwirbeln, teilweise sogar mit Bankautomaten, die mit einer übergroßen Samsung-Smartphone-Werbung kombiniert sind – was auf eine weitere kreative Ausdifferenzierung klassischer Bankgeschäftsmodelle schließen lässt.

Analog zum Handel: Kurz vor der Tagesschau in der bekannten Spot-Reihe der Commerzbank doch mal die schicken neuen Flagships thematisieren – anstatt immer diese arme blonde Filialleiterin durch Berlin oder Frankfurt joggen zu lassen, die B2C-Kunden erklärt, dass man den Mittelstand finanziert. Oder es als Sparkasse dann mal richtig krachen lassen, wenn man es mit „ganzheitlicher Beratung statt 08/15“ wirklich ernst meint. Produktions- und Postproduktionskosten der jeweiligen Spots sind vielleicht 30.000 Euro. Eigentlich: Spielgeld.

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