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Elektromobilität – die Zeit ist reif

- Auch in Deutschland ist nun der erste Schritt bei der E-Mobilität im Individualverkehr getan: Jetzt kommen die Strom-Tankstellen der Zukunft. von Thomas Kletschke

invidis Kommentar (Grafik: invidis)

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Verschiedene Nachbarstaaten sind bis dato schneller, als es die im Selbstbild führende Autonation der Welt ist. Wer etwa durch Amsterdams schmale Gassen läuft, muss sich desöfteren umschauen, um nicht von einem von hinten lautlos daherkommenden Hyundai Ioniq oder einem Hyundai Prius angefahren zu werden. Auch die Tesla-Taxen in der Stadt der jährlich stattfindenden ISE sind fast schon ein kleines Wahrzeichen. Ebenso wie die gefühlt guten Möglichkeiten, in der dortigen Innenstadt einen Parkplatz mit Steckdose zu bekommen.

Im Hochsteuer-Land Dänemark können sich Besitzer und Käufer von E-Autos über Steuerfreiheit freuen und werden diverse Green-Tech-Firmen ins Land gelockt. Electrical Vehicles (EV) sollen helfen, fossile Rohstoffe für sinnvollere Verwendungen zu reservieren. In dem Land, das über mehr als ausreichend Windkraft verfügt, weht damit seit längerem ein anderer Wind, als er hierzulande noch bis Anfang diesen Sommers wehte. Und Dänemarks Außenwirtschaftsförderer werben dafür, dass Konzerne hier schnell evaluieren und testen sowie Konzepte ausrollen können.

Andere Nachbarn sind noch weiter: In Norwegen, dass bis 2025 getreu der Devise „Null Bock auf Emissionenen“ für die Anschaffung Null-Emmissions-Autos (neben Hybrid und E-Autos sind Brennstoffzelle und Co. ja noch ebenfalls vorhanden) wirbt, und diese steuerlich massiv fördert, werden derzeit mehr als ein Drittel der Neuwagen als Variante „mit ohne Verbrennungsmotor“ ganz real gekauft. In dem Land, das neben Wasserkraft auch über ein nennenswertes Reservoir ökonomisch und ökologisch sich rechnender und explorierbarer fossiler Brennstoffe verfügt, zeigt sich besonders gut, wohin die Reise geht. Mit allen Vor- und Nachteilen, wie ein aktueller Spiegel Online-Artikel zeigt: Besonders in Oslo kommt man mit dem Aufbau der benötigten Infrastruktur für E-Mobilität kaum nach. Dort sind die öffentlich zugängigen Lade-Gelegenheiten inzwischen rar gesät.

Doch auch in Deutschland ändert sich gerade die Lage: Institutionelle Investoren und Konzerne aus dem Bereich Versorgung und Elektrifizierung diskutieren, wie sie den Trend nutzen können. Teilweise wird darüber sogar in aller Öffentlichkeit verhandelt, wie man ab spätestens 2018 durchstarten kann – manchmal sogar in der DB Bahn-Lounge. Ein bisschen Aufbruchstimmung wie in Zeiten der ersten Internet Economy-Welle, als es schon zum guten Ton gehörte, so laut darüber zu reden, dass man nun auch in dem wichtigsten Trendmarkt aktiv ist. Spätestens wenn die Wichtigtuer und die Fondsgesellschaften aus der dritten Reihe das Lied anstimmen, ist es ein Trend.

Die Zeit ist also reif. Das weiß auch Tank & Rast. Der Betreiber hat gemeinsam mit Innogy nun früh genug das Projekt „Tankstelle der Zukunft“ gestartet. Besonders an den Autobahnen wird ein solches Konzept Sinn machen.

Denn neben der Strom-Tanke, die der bisherigen Tankstelle ähnelt, werden weitere Versorgungswege (etwa: Strom via Laterne, Strom vom kommunalen Stromerzeuger; in der Innenstadt oder auf großen Parkplätzen von Shopping Malls) in Innenstädten zumindest mittelfristig als Konkurrenz hinzukommen. An den Autobahnen kann T&R sich dagegen künftig wohl sicherlich weiter gut behaupten.

Neben der E-Mobilität im engeren Sinne bietet der Megatrend Digitalisierung die Möglichkeit, die Geschäftsmodelle an den Tankstellen zu erweitern. Tanken, die ihren Strom (teilweise) selbst erzeugen, werden ihr Portfolio an zum Verkauf gedachten technischem Zubehör ausweiten, da es in der Übergangsphase sicherlich sowohl Motoröl wie vielleicht ein Ersatz-Akku (oder -Kabel) gefragt wären. Kunden, die ihr Auto aufladen, könnten eine längere Verweildauer mitbringen. Denn Schnellladen ist möglich, aber bei einige Herstellern teurer (Beispiel: Tesla, die damit die Reichweite von Pkw via Software steuern). Ergo wird der Autofahrer der Zukunft tendenziell noch mehr als bislang die Tanke auch als Café oder Quick Service Restaurant nutzen wollen. Es spräche auch nichts dagegen, an E-Tankstellen gleich noch frische Software aufzuladen, wenn erst mal die ersten Hersteller dies nutzen wollen. So wäre es möglich, Autonomes Fahren vielleicht nur für bestimmte Regionen anzubieten – etwa für die Urlaubsfahrt. Und kurz vor dem Brenner zöge man sich dann ein solches Update auf den Rechner des Autos. Eine solche E-Tanke wird generell auch mehr als bislang mit einem schnellen WiFi die Kunden locken. Ob als Free Wifi, oder gebührenpflichtig (und bargeldlos). Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

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