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LED Signage

Drängende Fragen nach Unglück bei Open Air in Essen

Materialschaden, fehlerhafte Montage oder Berechnung? – Bei einem Konzert löste sich eine LED Wall während eines Unwetters. Die Bilanz: 28 teilweise schwer Verletzte.
Unwetter, Symbolbild (Foto: Pixabay / SturmjaegerTobi)
Unwetter, Symbolbild (Foto: Pixabay / SturmjaegerTobi)

Ein Unglück bei einem Hip Hop-Konzert in Essen an diesem Wochenende erinnert die Branche daran, wie wichtig ein sehr gutes Sicherheitskonzept und eine perfekte Sicherung der Bühne bei öffentlichen Veranstaltungen sind. Denn trotz glasklarer Vorschriften passiert, was nicht passieren darf.

Am Samstag fand in Essen ein Konzert mit den Acts Casper sowie Marteria statt. Genutzt wurde ein Gelände am Baldeney-See. Laut Medienberichten – etwa des WDR, der mit TV- sowie Radio-Teams vor Ort war – waren etwa 18.000 Menschen im Publikum.

Nachdem das Konzert begonnen hatte, kam es zu einem Unwetter, zunächst in einiger Entfernung zum Gelände. Dann kam das – durch Unwetterwarnungen auch dem Veranstalter bekannte – Gewitter über dem Veranstaltungsort an. Mit Verspätung von bis zu 10 Minuten wurde zunächst allgemein eine „Überprüfung der Technik“ angekündigt; das Konzert gehe aber eventuell weiter. Dies waren zeitlicher Ablauf und Inhalt der Durchsage, wie ihn eine Reporterin des WDR schildert.

Nach weiteren 10 Minuten sei der Abbruch des Konzerts kommuniziert worden. Die Evakuierung, beziehungsweise das Verlassen des Geländes, habe etwa 1 Stunde gedauert. Der Besucherstrom musste über eine schmale Brücke zurück. Dem Bericht zufolge kam es dabei nicht zu einer Panik.

Das könnte auf purem Glück beruhen, da viele Besucher wohl nicht bekommen hatten, dass es schon Verletzte gegeben hatte. Am Sonntagmorgen sprachen die Behörden von 10 Schwer- und 18 Leichtverletzten. 2 der Verletzten hatten zeitweise in Lebensgefahr geschwebt.

Der Vorfall – die Kriminalpolizei ermittelt – weckt Erinnerungen an das schwere Unglück bei der Love Parade in Duisburg: Ganz offenbar konnten auch in Essen die Besucherströme nicht schnell vom Ort weggeleitet werden. Hätten mehr Menschen weniger besonnen reagiert, wäre auch hier eine Gefahr nicht von der Hand zu weisen gewesen.

Mit Sicherheit ein Thema für Gutachter, Juristen und Behörden: Teile einer LED-Wand lösten sich von der Bühne. Ob diese auch für die Verletzungen verantwortlich waren, ist bislang nicht bekannt.

Vollkommen unabhängig davon: Laut den Vorschriften – in Nordrhein-Westfalen die für „Fliegende Bauten“ – hätte die Bühne absolut windsicher sein müssen. Das schließt natürlich auch die LD Wall mit ein. Ab Windstärke 8 müssen besonders gefährdete Teile schnell abgebaut werden (können).

„Das betrifft zum Beispiel Planenflächen oder auch LED-Wände, wenn sie dem Wind besonders große Angriffsflächen bieten“, zitiert der WDR Holger Gerdes vom Verein Deutscher Expertenrat Besuchersicherheit (DEB), in dem Eventveranstalter, aber auch Vertreter von Feuerwehr und TÜV Nord organisiert sind.

Die Ermittlungen dürften sich also auf diese Punkte und Fragen konzentrieren, die alleine oder in Kombination  für das Unglück und dessen Schwere wichtig sind. Sie werden auch bei der späteren juristischen Aufarbeitung (mögliche Strafverfahren, Zivilprozesse, Regressforderungen, Versicherungsfragen etc.) eminent wichtig sein. Einige der Punkte sind rein technischer Natur:

  • Materialschaden – Wurden bei der LED Wall selbst oder bei baulichen Konstruktionen Elemente genutzt, die durch Abnutzung oder fehlerhafte Produktion für den Einsturz (mit)verantwortlich waren?
  • Fehlerhafte Montage – Haben Bühnentechniker Elemente falsch zusammengesetzt oder nicht oder nicht ausreichend zertifizierte Hilfsmittel genutzt ?
  • Falsche Berechnung – Hat der Bühnenmeister / Statiker geschlampt oder sich aufgrund von ökonomischem Druck dazu hinreissen lassen, eine ungeeignete Konstruktion freizugeben?
  • Unprofessionelles Management – Hat der Veranstalter in der Extremsituation angemessen und zeitnah gehandelt?
  • Schlamperei beim Sicherheitskonzept – Wieso brauchten die Zuschauermengen satte 60 Minuten, um das Gelände verlassen zu können?
  • Grobe Fahrlässigkeit –Um 19.30 Uhr gab der deutsche Wetterdienst (DWD) eine Unwetterwarnung heraus. Etwa eine Stunde später begann das Konzert, das dann um 21 Uhr abgebrochen wurde
  • Mangelnde Information – Offenbar bekamen viele Besucher nicht mit, dass es Verletzte gab. Wurde richtig gehandelt um Panik zu vermeiden? Oder wurden dadurch Menschenleben gefährdet, da Rettungsdienste dadurch nicht sofort überall zur Stelle sein konnten? Laut Medienberichten wurden einzelne Verletzte bis 22 Uhr auf dem Gelände versorgt, was aber auch gute Gründe in der Notfallmedizin selber haben kann

Glücklicherweise gab es keine Toten zu beklagen. Allerdings sollte dies nicht die Ausrede dafür sein, hier alles auf die leichte Schulter zu nehmen. Immer wieder sorgen externe Ereignisse dafür, dass Veranstaltungsorte komplett, in Teilen oder auf zeit geräumt werden müssen. Erst am 31. Juli musste beim Wacken Open Air das Gelände zeitweise wegen Unwetter und daraus resultierenden Gefahren geräumt werden.

Zur Erinnerung: Es ist noch keine 10 Jahre her, dass das Loveparade-Unglück in Duisburg passierte – also nicht allzu weit vom jetzigen Unglücksort entfernt. Damals kamen 21 Menschen ums Leben, 541 wurden schwer verletzt.