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Alan Turing lebt – mittels LED Signage und AI

- Eine permanente Medienkunst-Installation in Großbritannien lässt Informatik-Gott Alan Turing wiederauferstehen – und das ganz selbstreferenziell, quasi als Turingmaschine mit großem LED Screen. von Thomas Kletschke

Message of the Unseen World - links die hinterleuchtete Aluplatte, rechts der LED Screen (Foto: United Visual Artists)

Message of the Unseen World – links die hinterleuchtete Aluplatte, rechts der LED Screen (Foto: United Visual Artists)

Die Grundlagen von Informatik und Programmieren haben viele Mütter und Väter gelegt, etwa die heute als weltweit erste Programmiererin und überhaupt als welt-erster Programmierer anerkannte Ada Lovelace (1810 bis 1852). Manchmal waren die heute weltweit Verehrten lange Zeit unbeachtet, wurden unterschätzt oder wurden unterdrückt. Oder gleich alles zusammen.

Zur letzten Gruppe zählt auch der 1912 geborene und 1954 sehr wahrscheinlich durch Suizid gestorbene Logiker, Mathematiker und Informatiker Alan Turing. Heute weitestgehend als Vater der Theoretischen Informatik und wichtiger Wegbereiter der Künstlichen Intelligenz anerkannt, hatte Turing zu seinen Lebzeiten, trotz Erfolgen in der Kryptographie während der Kriegszeit, nicht viel zu lachen. Denn sein recht offen gelebtes Schwulsein führte zu einer Verurteilung samt chemischer Kastration in den 1950er Jahren. Und das obwohl der kauzige Turing seit 1946 Officer des fünfstufigen Verdienstordens Order of the British Empire war (den Titel OBE aber nicht an seiner eigenen Bürotür sehen wollte), und seit März 1951 als Fellow der Royal Society sich in guter Gesellschaft mit anderen Forschern wir Isaac Newton befindet. Erst 2013 folgte die posthume Rehabilitierung durch die britische Krone.

Die meisten dieser Geschichten rund um Turing sind bekannt und schon oft medial thematisiert worden: Filme, Theaterstücke und Romane sowie Sachbücher zu Turing sind seit Jahren schon ein eigenes Genre. Eigentlich alles aus-erzählt also.

Im Baudot-Code werden Zitate aus Turings Hauptwerk wiedergegeben (Foto: United Visual Artists)

Im Baudot-Code werden Zitate aus Turings Hauptwerk wiedergegeben (Foto: United Visual Artists)

Doch ein neues Kunstprojekt in Großbritannien gewinnt Alan Turing neue Seiten ab, beschränkt sich auf wenige Aspekte und schafft das Ganze auch noch mit einer gehörigen Portion Autoreferenzialität. Die Gruppe United Visual Artists (UVA) hat in dem vom Immobilien REIT British Land entwickelten Areal Paddington Central eine permanente Installation aus LED Signage und mit Hilfe von Artificial Science geschaffen, die in einer Fußgängerunterführung installiert ist, die am Eingangsbereich des 11 Hektar großen Campus liegt. Den Auftrag dazu hatte die von British Land beauftragte Agentur Future City gegeben.

Die zweiteilige Medien-Installation „Message from the Unseen World“ besteht unter anderem aus einem großen LED Screen mit 16 mm Pixel Pitch, für den Module aus der von Hersteller digiLED stammenden Outdoor Reihe ITe genutzt werden, die gut gegen äußere Einflüsse geschützt sind (IP67 Zertifizierung). Neben den LED Elementen wurde eine Platte aus perforiertem, anodisiertem Aluminium installiert, die Zitate aus Turings Werk „Computing Machinery and Intelligence“ anzeigt – übersetzt in den 5 bit Baudot-Code, der für die Nutzung von Telegrafie und Telex eine wichtige Rolle spielte. Hinter den Loch-Bohrungen sorgt LED Lighting für die Inszenierung.

Das Gedicht ist alles andere als statisch (Foto: United Visual Artists)

Das Gedicht ist alles andere als statisch (Foto: United Visual Artists)

Die Maße der gesamten Konstruktion gibt die die Künstlergruppe mit 19,2 m (Breite) x 1,6 m (Höhe) an. Ob die Hinterleuchtung der Alu-Platte ebenfalls mit LED Screen Modulen oder mit Einzel LEDs erfolgte, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht eindeutig beantworten. Anhand der Fotos kann man jedoch von einer Mindestgröße der LED Screen Installation von etwa 10 m Länge und einer Höhe von 1,6 m ausgehen.

Auf dem LED Screen wird ein Gedicht des britischen Literaten Nick Drake ausgespielt, das von Turings eigenen Werken inspiriert ist. Dieses Gedicht selbst ist unstetig, es verändert sich ständig selbst, dahinter steht eine Art einfacher AI Algorithmus. Damit ist es in Aufbau und Methode mit dem Oulipo (potenzielle Literatur) verwandt, der vom französischen Dichter Raymond Queneau und dem französischen Mathematiker François le Lionnai entwickelten Methode, literarische Texte durch beständige Metamorphosen zu schaffen, wie die „Hunderttausend Milliarden Gedichte“ (die daraus resultierenden 1014 Gedichte kann man sich unter anderem am Ende dieser Website anschauen).

Nach dem 2012 zu Alan Turings 100. Geburtstag eingeweihtem Alan Turing Memorial ist Message from the Unseen World das zweite Denkmal für Turing in London – und das entschieden coolere. Fast schon eine kleine Turingmaschine.

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