ISE 2017

Die Architektur von morgen ist sozial und digital – Opening Keynote von Ole Scheeren

- Amsterdam | Ein Gebäude mit mehr als 400.000 m² Fläche, in dem 250 TV Kanäle beheimatet sind: Ole Scheeren stellte in seiner Opening Keynote seine Vision von Architektur vor, die man als modular und verpixelt bezeichnen kann. Dahinter steht ein spannendes Konzept. von Thomas Kletschke

Ole Scheerens Opening Keynote brachte viele neue Impulse (Foto: invidis)

Ole Scheerens Opening Keynote brachte viele neue Impulse (Foto: invidis)

Mit Büros in Hong Kong, Peking, Berlin und Bangkok ist der Deutsche Ole Scheeren weltweit als Architekt tätig. Stadtplanung, Beratung und Interior Deign gehören zu den weiteren Schwerpunkten. Er kennt die Metropolen von heute, und weiß, wie sie sich zu den Metropolen von morgen wandeln. Am Montagabend hielt er die Opening Keynote – und dies nicht nur, weil er für CCTV ein modernes und preisgekröntes Gebäude entworfen hat, das größte, das sein Team bislang je umgesetzt hat, und das seit 2008 genutzt wird.

Seine Architektur so Prototyping, so Scheeren, den die Verbindung von digitalen Räumen und realen Welten umtreibt. Zudem gebe es noch einen psychologischen Raum („psychological space“). Mit einem Trailer aus Matrix zeigte Scheeren gleich zu Beginn eine apokalyptische Vision von Technologie. In Matrix Reloaded wurde aufgeklärt, wem die Welt die Matrix zu verdanken hat: dem Architekten.

Eine positivere Sicht auf solche Vernetzungen zwischen Technologie und Virtualität mit der echten Welt, das ist Sceerens Ding. Architektur bestehe aus mehr als den drei Raum-Achsen x, y und z. Und so ging sein Team an den Entwurf für das CCTV Gebäude heran: ein Gebäude als Lopp und als Organismus, als etwas Lebendiges, das aus Clustern besteht, etwa den technischen Clustern (Broadcast Räume, Studios) und den sozialen Clustern (Cafétarien, Sozialräume). Insgesamt 400 Architekten und Ingenieure haben auf drei Kontinenten an dem Bau gearbeitet.

Auch der Entwurf des Looped Hybrid Gebäude in London Olympicopolis für die Olympiade in Tokio 2020 stammt von Scheerens Team. Verschiedene Module wurden zusammengefügt. Wie beim Centre Pompidou in Paris habe man versucht, Technologie außerhalb des Gebäudes unterzubringen. Bei diesem Gebäude sind verschiedene Nutzungsarten vorgesehen sowie die Nutzung digitaler Technologien.

Für Berlin designte das Team ein Gebäude, das als Cloud of Knowledge gedacht ist, als Kommunikationsraum; ein aufgebrochener Entwurf, der Raum als Tool und Social Connector nutzen möchte, so Scheeren.

Natürlich müssten all diese Gebäude smart sein und smart werden. So wie Truman in der Truman Show, dessen Gated Community alles ist, nur nicht das echte Leben. Wo der Himmel und der Horizont nicht mehr sind als Mauern.

Und hier müssten Architekten und Techniker sich stets die Frage stellen: Wie sehr wollen wir das Leben der Anderen scripten und bestimmen. Die Gebäude des 21. Jahrhunderts müssten neben Energieeffizienz und einem Consumer Fokus auch als „socially inclusive environments“ funktionieren.

Als Scheeren im Jahr 2007 ein Projekt mit Wohnbauten begann, fiel ihm eine Postkarte aus dem Jahr 1907 in die Hände, die zeigte, dass das Leben früher anders organisiert war, als die zunächst vom Kunden gewünschten zwölf Skyskraper mit 24 Stockwerken. Stattdessen wurde die inzwischen weltbekannte Anlage The Interlace geschaffen, die 170.000 m² Wohnfläche, eine wie zufällig und aufgebrochene Architektur mit großen Grünflächen verbindet. Der Komplex bringt nun 112% Grünflächen; also mehr, als wären die Gebäude nicht gebaut worden. Mehr Zugang zu natürlichem Licht gehört zum Konzept; entsprechend wurde in hochwertiges Glas investiert, das zugleich den benötigten Schutz bringt. The Interlace verfügt über ein eigenes angenehmes Mikroklima  – ein  Gebäude ohne jede Technologie, die dafür verantwortlich wäre, sondern pure Entwurfsarbeit.

Auch bei anderen Projeken wie dem höchsten Gebäude Thailands, wo eine monolithische Hochhaus-Architektur aus Platzgründen umgesetzt wurde, setzen Scheeren und sein Team auf verpixelte und aufgebrochene Architektur. Das Gebäude, das kürzlich fertiggestellt wurde, verfügt übrigens über einen großen Screen, der als Interface zwischen Nutzern und Haus dient.

Beim Thema Shopping sieht Ole Scheeren ebenfalls Grenzen: Shopping gebe es nahezu überall. Daraus ergäben sich auch für die Luxury Retailer Folgen. Ihre Flagships können nun zusätzliche Aufgaben übernehmen, wie eine seiner arbeiten für Prada zeigte. Der Store als sozialer und kultureller Raum. Und zugleich ein digitaler, bei dem die Waren digitalisiert sind, etwa über RFID. Selbstredend sind Magic Mirrors zu finden, die in der intelligenten Umkleide dem Nutzer auch die Rückansicht zeigen.

Derzeit arbeitet sein Team mit Dean and DeLuca, einem Food Spezialisten aus den USA, der einen weltweiten Roll out neuer Erlebnisküchen plant, in denen die Zubereitung des Essens im Fokus des Entwurfs steht.

Mit Escape setzte Scheeren zuletzt ein schwimmendes Kino in einer atemberaubenden Bucht Thailands um, das als temporäre Installation zeigte, wie Architektur auch funktionieren kann: Als vollkommen un-romantische Weltflucht, könnte man sagen.

Wenn man Technologien zu sehr integriere, könne dies die Lebendigkeit von Gebäuden und das soziale Miteinander auch negativ beeinflussen, so Scheeren auf eine Frage aus dem Publikum, warum er denn so technologiekritisch sei.

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