EuroShop 2017

Angel of Haarlem – darum ist StyleShoots der Star der Messe

- Düsseldorf | Jede gute Messe bringt etwas Neues, das die Welt nachhaltig verändert. Der Star dieser EuroShop ist das in dritter Version erschienene Produkt eines Start ups aus Holland. Es wirbelt die Prozesse der für Fashion Retail arbeitenden Kreativen durcheinander und ist eine Glanzleistung in puncto Digitalisierung, Engineering und Innovation. von Thomas Kletschke

Das Model müssen Sie buchen - den Rest steuert Ihr Praktikant übers Tablet (Foto: invidis)

Das Model müssen Sie buchen – den Rest steuert Ihr Praktikant übers Tablet (Foto: invidis)

Es gibt Geschichten, die möchtest du nicht sofort veröffentlichen, weil du sonst dein ganzes Pulver verschießt, bevor die Messe so richtig angefangen hat. Normaler Alltag im Journalismus.

Dann gibt es diese deutlich selteneren Stories, die lässt du lieber erst mal liegen, verlässt deine Beobachter-Position, kontaktierst dann deine Hausbank, verkaufst dazu Oma ihr Klein-Häuschen, um dir eine Finanzierung zu sichern, weil du dieses Ding kaufen musst, um dann selbst ins Business einzusteigen – und zwar so richtig fett. Das ist eine dieser Geschichten.

Ich bin mir sicher, selbst mein Kundenberater hätte Erklärungsnöte, mir nicht sofort einen Betrag von unter 100.000 Euro freizuschaufeln, damit ich all den teuren Fotostudios und Video Content Butzen in München den Markt kaputt machen kann, ohne, dass ich es fachlich so richtig drauf habe. Ach ja: In der Nachbearbeitung würden dann auch schnell ein paar Menschen nervös werden.

Das hatte ich mir ernsthaft als Privat-Mensch überlegt; das hat den ganzen ersten Messetag der EuroShop 2017 in mir gearbeitet: „Mensch, fahr‘ nach Hause auf dein niederbayerisches Dorf, zerr‘ den Banker vom Frühschoppen weg, hol‘ dir den Kredit und bau dir ’nen Dritt-Business auf, damit du in sieben Jahren Privatier bist, endlich Einkommens-Millionär ohne großes Risiko. Vielleicht sponsert dir sogar dieses merkwürdig-unsympathische Bundesland, in dem du seit Jahren als Wirtschaftsmigrant arbeitest, einen Teil mit“ (nennenswerte Digitalisierungs-Initiativen mit KfW-Mittelchen und Landes-Töpfchen gibt es im Freistaat Bayern ja, wenigstens das). Das letzte Mal, als ich spontan auch nur annähernd sowas dachte, war an diesem einen Abend in dieser Studenten-WG in Bielefeld, in der mir diese drei FH-Kommilitonen ihren Business-Plan erklärten, der auf den ersten Blick (und auch in der Rückschau) besser war, als der, den die Samwer-Brüder in der ersten und zweiten Welle des Dotcom-Goldrauschs umgesetzt hatten. Sie sind dann doch nicht reich und berühmt geworden – trotz Business Angel an der Hand und so, die Jungs von Nebenan.

Da invidis ja ein cooler Tech und Business-Newsletter ist, geht die Info einfach mal sofort und an alle raus – wir stehen eben auf Understatement. Einschließlich der Anleitung, wie Sie es selbst dem herzlosesten, knickrigsten technischen Null-Checker bei der, sagen wir: Volksbank Sauerland oder einer Postbank-Filiale im Harz, erklären und vor-rechnen können. Und dann auch bei übelster Bonität sofort die Betriebsmittel finanziert kriegen.

In den Niederlanden gibt es eine Reihe interessanter Start ups. In die DNA vieler dieser Firmen – die durchaus als sich rechnende Mittelständler mit jahrelanger, seriöser Geschäftspolitik gelten dürfen – ist immer mindestens ein Fitzelchen Philips eingeschrieben. Schließlich hat jeder Gründer in Holland, der in Technologie macht, schon mal bei Philips gearbeitet oder hat eine Cousine, die da angestellt war.

Detailaufnahme des StyleShoots Live Systems (Foto: invidis)

Detailaufnahme des StyleShoots Live Systems (Foto: invidis)

Oder doch nicht? – Maurits Teunissen ist ein Niederländer, wie man ihn kennt: Er spricht – natürlich perfekt, wie alle Holländer – diverse Sprachen, was er natürlich sofort in fließendem Hochdeutsch mit selbstironischem Verwies auf den Rudi Carrell-Akzent negiert. Aber: Er hat noch nie bei Philips gearbeitet. Dennoch hat er drei Firmen hochgezogen. Eine davon ist StyleShoots. Und da Teunissen nicht beim großen P war, sitzt seine Company auch nicht in dem Bermuda-Dreieck von Eindhoven, das sonst die ganzen Leute, die erfolgreich entwickeln und forschen, magisch anzieht und für immer da belässt. Sondern in Haarlem. Also nicht weit von Amsterdam, wo sich der Rest der Technologie-Branche unseres Nachbarlands niedergelassen hat – sowie die diversen europäischen Headquarters von zig Firmen aus Zillionen von Branchen; auch kreativer Rahmenbedingungen sei Dank, wie Leuchttürme, die die Steuer-Optimierer aller Länder und Konzerne gerne an-navigieren.

Teunissen hat nichts von einem Buchhaltungs-Menschen. Aber er hat ein Produkt auf den Markt gebracht, das Steuerberater, Banker, Art Directors, Video Editors und Software-Spezialisten verstehen. Jan und Allemann eben, wie der Niederrheiner sagt.

Das mag ein wenig damit zu tun haben, dass Maurits noch unter Steve dem Allmächtigen gedient hat, wenn auch in West-Europa und nicht an der West Coast der USA. Seine Karriere in der Tech Branche startete Theunissen bei Apple. Er versteht also, wie man mit ein wenig anderen Ansätzen etwas so hinbekommt, dass man es massenhaft ausrollen kann, und die Leute auch noch Schlange stehen. Sowas wie die sprechenden, „Danke“ sagenden Mülleimer im Freizeitpark De Efteling also, die in den 1980er Jahren in die Welt kamen: Kombiniere Sachen und schaffe daraus etwas Neues.

Dazu kommt dann aber das entscheidende Element, das sich rechnet: Kombiniere die Elemente so, dass der Prozess so verschlankt wird, dass es selbst in Vietnam nicht günstiger zu produzieren ist. Dass also die teuren Arbeitsstunden gar nicht mehr ins Gewicht fallen. Kombiniere es so, dass auch der Praktikant die Ergebnisse liefern kann, die dein Chef-Kreativer zu Wege bringt.

Der Blick auf den grossen Control Screen zeigt auch Fliessband-Produktion kann gut ausschauen – und sofort in diversen Kanälen genutzt werden (Foto: invidis)

Der Blick auf den grossen Control Screen zeigt auch Fliessband-Produktion kann gut ausschauen – und sofort in diversen Kanälen genutzt werden (Foto: invidis)

Im Jahr 2012 hat StyleShoots das erste Produkt auf den Markt gebracht: StyleShoots Horizontal. Das besteht aus einer planen Fläche, auf die legen Sie eine Bluse, ein Hemd oder einen Pullover. Die DSLR Kamera, die oben arretiert ist, schießt Bilder des Produkts. Das ganze steuern Sie via iPad. Oder Ihr Praktikant. Das System – also die Software – berechnet alles: Blende, Belichtungszeit und Co. In 1 Minute haben Sie für Ihren Web Shop ein Produktfoto.

Später kam StyleShoots Vertical hinzu: Das System erkennt das Jackett oder den Mantel, den Sie auf einem Ständer im Raum positionieren und kann also ein dreidimensionales Objekt fotografieren. Ebenfalls deppensicher, ebenfalls sehr schnell und mit Top Ergebnissen, die nicht mehr in die Retusche müssen.

Seit einer Woche ist StyleShoots Live am Markt. Das System kostet 75.000 Euro. Es kann UHD Videos drehen, 5+ K Fotos schießen, natürlich vom dreidimensionalen Objekt. Auf der Messe steht ein menschliches Model zur Vorführung der Shootings zur Verfügung. Die Ergebnisse der Shootings zeigen, die Qualität lässt sich sehen. Der Content kann auch jede Art im Web publiziert werden (Instagram, Snapchat, Facebook, Web Videos auf der Homepage). Auch Digital Signage Systeme können auf diese Weise automatisiert mit Bewegtbildinhalten beliefert werden.

Wenn Sie daran denken, dass ein Zara oder H&M vielleicht  sechs Wochen seine Kollektion im Laden hängen hat, geht es um Zeit. In der jeweiligen Kollektion müssen zig Teile ge-shootet werden. Stellen Sie (oder Ihrem Banker) gegenüber: Ein Video Shooting für 1 Video dauert in der Regel einen Tag und kostet vielleicht 1.500 Euro. Das StyleShoots Live System kann 3 bis 4 Videos pro Stunde erzeugen.

Das ganze System misst 2,94 x 3,19 x 5,54 m (HxBxL), enthält nicht-billige Profi-Hardware, die in den 75 K an Investition enthalten sind unter anderem:

  • 1 x Canon 1D X Mark II DSLR
  • 1 x Canon 24-105 mm als Optik
  • 3D Kamera
  • Motor-Steuerung für Zoom und Co.
  • Lighting System LED (Beleuchtung)
  • LED Lighting (Anzeige Funktionen)
  • 1 x Apple MacPro mit der Style Shoots Software
  • 1 x iPad Pro 12,9″ (Ansteuerung)
  • Output-Formate MP4 und M4V bis UHD, MJPEG 4K Raw Option; JPG, TIFF, CR2 Option

Addieren Sie die Straßenpreise für einige Hardware-Komponenten inkl. MwSt. in der billigsten Kauf-Variante:

  • 5.000 Euro Kamera
  • 800 Euro Zoom-Optik
  • 2.900 Euro Rechner (Quad Core)

Dann liegen Sie bei 66.000 Euro ohne die weiteren Komponenten, ohne Software (für letztere wird jährlich eine weitere Fee benötigt).

Dann überlegen Sie, ob Sie für einen Video Film nicht 1.000 statt 1.500 Euro berechnen, so Ihre Konkurrenz ausschalten, und nicht per Fließband den Content erstellen. Bloß weil man sie nicht wahrhaben will und verschweigt, sind technologische Innovationen deswegen ja nicht aus der Welt, sondern trotzdem da.

Muss nicht jedermanns Business-Plan sein, dürfte sich aber schnell amortisieren. Mindestens eine der Vorgänger-Versionen von StyleShoot Live (beide sind immer noch erhältlich) ist übrigens auch bei den Samwer Bros im Einsatz, respektive bei Zalando.

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