Anzeige
Goldrausch im Reinraum

Chip-Hersteller übernehmen alte LCD-Linien

Während alternde LCD-Fabriken wirtschaftlich zunehmend unter Druck geraten, sichern sich Chip-Hersteller stillgelegte Display-Werke, um dringend benötigte Reinraumkapazitäten für das AI-Zeitalter zu gewinnen. Der beschleunigte Wandel formt die globale Fertigungslandschaft neu.
TSMC Halbleiter-Wafer-Fabrik (Foto: TSMC)
TSMC Halbleiter-Wafer-Fabrik (Foto: TSMC)

Die weltweite Display-Industrie durchläuft einen ihrer tiefgreifendsten strukturellen Umbrüche seit Jahrzehnten. Alternde LCD-Produktionslinien – einst Symbole industrieller Größe und nationaler strategischer Bedeutung – verlieren rapide an wirtschaftlicher Tragfähigkeit, da die Panelpreise auf niedrigem Niveau verharren und der Wettbewerb zunimmt. Laut einem aktuellen Bericht von Digitimes (Paywall) trennen sich große Panelhersteller wie AUO, Innolux und LG Display aktiv von älteren LCD-Fabriken, da diese ineffizient produzieren und unter massivem Preisdruck stehen. Gleichzeitig treten Halbleiterriesen wie TSMC, Micron, ASE und SK Hynix als interessierte Käufer auf, um sofort verfügbare Reinraumkapazitäten für die stark wachsende Chip-Nachfrage im AI-Zeitalter zu sichern.

In dieser Woche gab es eine weitere wichtige Entwicklung: Sharp bestätigte, dass Mehrheitseigner Foxconn von Plänen zurückgetreten ist, eine zentrale kleine LCD-Displayfabrik von Sharp in Japan zu übernehmen. Der Deal scheiterte angesichts der anhaltenden Schwäche der globalen LCD-Preise. Sharp stellte daraufhin die Produktion in dem Werk im August ein und bot 1.170 Mitarbeitenden freiwillige Abfindungen an, wie Japan Today und Nikkei Asia berichteten. Gleichzeitig sagte Sharp ein weiteres Vorhaben ab, große LCD-Paneltechnologien an einen indischen Partner zu übertragen – ein weiterer Rückschlag im langjährigen Restrukturierungsprozess des Unternehmens. Die Entscheidungen zeigen, dass selbst historisch bedeutende LCD-Akteure ihren Rückzug aus der klassischen Panelproduktion beschleunigen.

Milliardenschwere Investitionen

Der übergeordnete Trend ist eindeutig: Das LCD-Geschäftsmodell, insbesondere bei älteren Fertigungsanlagen, bricht unter den heutigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und politischen Subventionen zusammen. Die Herstellung von LCD-Panels im industriellen Maßstab – vor allem in Gen-10.5-plus-Fabriken – erfordert Investitionen in Milliardenhöhe. Ein erheblicher Teil dieser Summen fließt in Spezialmaschinen für die TFT-Fertigung, die Substratverarbeitung und die Abscheidung von Farbfiltern sowie in Bau und Betrieb riesiger Reinraumkomplexe. Wie Digitimes berichtet, macht allein die Abschreibung oft bis zu ein Drittel der gesamten Produktionskosten aus – eine strukturelle Belastung, die bei fallenden Panelpreisen schnell untragbar wird. Die Arbeitskosten hingegen spielen mit rund zwei Prozent nur eine untergeordnete Rolle. Einsparpotenziale beim Personal sind daher begrenzt, und Standortentscheidungen hängen zunehmend von staatlichen Subventionen und der Nähe zu Lieferketten ab statt von Lohnkosten.

Große Display-Hersteller haben aufgegeben

Der Rückzug aus der LCD-Produktion ist besonders in Japan und Korea ausgeprägt. Im September 2024 kündigte LG Display an, seine Beteiligung an einer chinesischen LCD-Fabrik für 1,5 Milliarden US-Dollar an TCL CSOT zu verkaufen, um sich stärker auf margenstärkere OLED-Technologien zu konzentrieren. Die Transaktion umfasst 80 Prozent einer zentralen LCD-Panel-Produktionslinie sowie 100 Prozent des LCD-Modulwerks von LG Display. TCL CSOT, bereits einer der größten LCD-Hersteller weltweit, baut damit seine globale Position weiter aus. Das Schwesterunternehmen TCL kündigte zudem kürzlich ein Joint Venture mit Sony für 2027 an und wird die Mehrheit am dann gebündelten Geschäft für visuelle Lösungen übernehmen.

Sony-TCL Joint Venture: TCL greift nach globaler Marktführerschaft

Auch Samsung hat sich vollständig aus der LCD-Panelproduktion zurückgezogen und sein letztes LCD-Modulwerk an chinesische Käufer verkauft – womit Chinas Dominanz weiter gefestigt wird. Heute werden mehr als 90 Prozent der LCD-Module in China von nur wenigen Anbietern produziert – ein Konzentrationsgrad, der in anderen Display-Segmenten seinesgleichen sucht.

China stark in Panelproduktion

Nachgelagerte Aktivitäten sind geografisch stärker verteilt. Während die Panelproduktion in China konzentriert ist, verbleiben Produktdesign und Management in der Regel in Korea, Japan und Taiwan. Softwareentwicklung erfolgt häufig in Indien, Polen und anderen etablierten Softwarestandorten. Die Endmontage wird maßgeblich durch Zollstrukturen bestimmt: Einige professionelle Displays für den EU-Markt werden in der Slowakei, Ungarn oder Polen montiert, während Geräte für Nordamerika häufig in Mexiko fertiggestellt werden. Professionelle Monitore ohne TV-Tuner unterliegen in der EU niedrigeren Importzöllen, weshalb erhebliche Montagevolumina nach Vietnam, Indonesien und Malaysia verlagert wurden.

Selbst Sharps ikonisches Werk der zehnten Generation in Sakai – einst technisches Aushängeschild – wird geschlossen und in ein AI-Rechenzentrum umgewandelt. Das spiegelt die breitere Branchenverschiebung hin zu Computing-Infrastruktur wider.

LCD-Fabriken raus, AI-Reinräume rein

Die Botschaft des Marktes ist klar: Mit der steigenden Nachfrage nach AI-Hardware, Rechenkapazitäten und Halbleiter-Reinräumen gewinnen alte LCD-Fabriken für Chip-Hersteller zunehmend mehr Wert als für Display-Produzenten selbst. Abschreibungsintensive Kostenstrukturen und stagnierende Panelpreise machen die klassische LCD-Produktion gegenüber der dynamischen Ökonomie moderner Hochleistungsrechner unattraktiv.

Diese Neuordnung verändert die globale Display-Landschaft grundlegend. China kontrolliert inzwischen den Großteil der LCD-Kapazitäten. Koreanische und japanische Hersteller richten ihren Fokus aggressiv auf OLED, MicroLED und AI-getriebene Anwendungen. Halbleiterunternehmen nutzen die Gelegenheit, ehemalige Display-Standorte in moderne Chip-Fertigungs- oder Packaging-Linien umzuwandeln. Was einst ein Grundpfeiler der Unterhaltungselektronik war, wird neu ausgerichtet, um die nächste Phase der digitalen Transformation zu ermöglichen.

Der umgekehrte Weg

Stratacache stellt in der aktuellen Welle von LCD-Verkäufen eine seltene Ausnahme dar. Während die meisten Display-Hersteller alte Produktionsstandorte aufgeben, hat das US-amerikanische Digital-Signage-Unternehmen ein stillgelegtes Hynix-Semiconductor-Werk an der Westküste übernommen, um dort hochwertige MicroLED-Produktion für Automotive- und andere spezialisierte Anwendungen aufzubauen – nicht für den Massenmarkt der Digital Signage. Das ambitionierte Vorhaben wurde jedoch durch erhebliche Verzögerungen beim Einbau der erforderlichen Produktionsanlagen gebremst. Als CEO Chris Riegel das Gelände zu einem günstigen Preis erwarb, war das Ausmaß des kommenden AI-Booms – und der daraus resultierende weltweite Wettlauf um Halbleiter-Equipment – noch nicht absehbar. Während der Pandemie waren Reinräume und Fertigungsflächen kaum gefragt; heute zählen sie zu den knappsten industriellen Ressourcen.

Trotz der Herausforderungen zeigte sich Riegel optimistisch, als invidis ihn Anfang des Jahres auf der NRF traf. Er äußerte Zuversicht, dass die benötigten Anlagen eintreffen und die MicroLED-Produktion in den kommenden Quartalen starten könne. Das Projekt steht sinnbildlich für Chancen und Volatilität in der neuen Display- und Halbleiterlandschaft: Was einst als unterbewertetes Asset galt, ist in einem durch AI-getriebene Nachfrage transformierten Markt zu einer umkämpften Ressource geworden.