In einem emotionalen Linkedin-Post kündigte Wi-Charge-Gründer und CEO Ori Mor das Ende des israelischen Start-ups an – nach mehr als 14 Jahren Entwicklungsarbeit.
Wi-Charge wollte ein Problem lösen, das Verbraucher und Technologieanbieter seit Jahrzehnten frustriert: Stromkabel überflüssig machen. Mit einer proprietären Kombination aus Sendern, Empfängern und optischer Wireless-Power-Technologie übertrug das Unternehmen Energie über mehrere Meter und ließ so kleine Geräte ohne Kabelverbindung arbeiten.
Technologischer Meilenstein ohne Marktdurchbruch
Laut Ori Mor gelang Wi-Charge, woran Dutzende Start-ups und große Technologiekonzerne zuvor gescheitert waren: die Kommerzialisierung. Das Unternehmen brachte raumgroße Wireless-Power-Technologie erfolgreich auf den Markt und setzte Produkte gemeinsam mit führenden Marken in den USA ein.
„Wir haben dieses Unternehmen mit der Überzeugung gegründet, dass Strom durch die Luft fließen sollte – keine Kabel, einfach Strom, wo immer man ihn braucht“, schrieb Ori Mor in seinem Abschiedspost. „Wir wussten nicht, ob es machbar ist, aber wir wussten: Wenn es machbar ist, dann würden wir es schaffen.“
Laut Ori Mor wurden Wi-Charge-Produkte in 39 US-Bundesstaaten eingesetzt, OEM-Bundles erreichten Adoptionsraten von bis zu 90 Prozent. Direct-to-Consumer-Produkte erzielten Take-Rates von mehr als 20 Prozent – ein Hinweis darauf, dass Kunden die kabellose Stromversorgung schätzten.
Für die Digital Signage-Branche bot die Wi-Charge-Technologie ein attraktives Angebot: Kleine Shelf-Edge-Displays, elektronische Preisschilder und IoT-Geräte ließen sich ohne teure Elektroinstallation verbauen, was Rollouts vereinfachte und mehr Flexibilität im Store-Design erlaubte.
Das Henne-Ei-Problem der drahtlosen Energie
Trotz des technologischen Erfolgs erreichte Wi-Charge nie die für nachhaltiges Wachstum nötige Größenordnung. Ori Mor nennt zwei grundlegende Hürden, die die Verbreitung letztlich begrenzten.
Die erste war das klassische Plattform-Dilemma: Drahtlose Energieübertragung braucht sowohl Sender als auch Empfänger. Gerätehersteller zeigten Interesse an integrierten Empfängern, allerdings meist erst, sobald eine ausreichend große installierte Basis an Sendern existierte. Gleichzeitig hing die breite Verbreitung von Sendern von der Verfügbarkeit kompatibler Geräte ab. Eine typische Reaktion von OEM-Partnern beschreibt Ori Mor so: Die Technologie funktioniere zuverlässig, Empfänger würden ergänzt, sobald genügend Sender im Markt seien.
Die zweite Hürde war weniger technischer, sondern eher verhaltensbedingter Natur. Batterien aufzuladen ist lästig, für die meisten Verbraucher aber kein drängendes Problem. Wireless Power erwies sich, so Ori Mor, als „Vitamin statt Schmerzmittel“ – ein Produkt, das Komfort verbessert, aber kein akutes Bedürfnis löst.
Hardware bleibt ein schwieriges Geschäft
Wi-Charge kämpfte zudem mit Problemen, die vielen Hardware-Start-ups vertraut sind. Lange Produktzyklen, teure Fertigung und eine vergleichsweise langsame Marktdurchdringung machten das Unternehmen für Risikokapitalgeber weniger attraktiv als softwaregetriebene Firmen. Die langsame Marktdurchdringung sowie das Hardware- und Konsumgüter-Umfeld hätten Investoren laut Ori Mor abgeschreckt.
Damit geriet das Unternehmen in eine schwierige Position: Es entwickelte eine kategoriedefinierende Technologie abseits der Tech-Hypezyklen, die üblicherweise Kapital anziehen und Ökosysteme beschleunigen.
Vermächtnis über das Ende hinaus
Auch wenn Wi-Charge schließt, hinterlässt das Unternehmen einen wichtigen Beleg für die gesamte Wireless-Power-Branche: Drahtlose Energieübertragung im Raummaßstab funktioniert nicht nur im Labor, sondern auch im realen kommerziellen Einsatz.
Für Fachleute aus Retail-Technologie und Digital Signage ist das Ende eine Erinnerung daran, dass technische Innovation allein keinen Markterfolg garantiert. Selbst Technologien mit klaren betrieblichen Vorteilen müssen Ökosystem-Hürden, Rollout-Kosten und Nutzerverhalten überwinden, bevor sie sich massenhaft durchsetzen.
Den kommerziellen Durchbruch, den sich die Gründer erhofft hatten, erreichte Wi-Charge nie. Nach 14 Jahren Entwicklungsarbeit bewies das Unternehmen aber eines: Strom kann durch die Luft reisen. Die Digital Signage-Branche wird weiter nach wirklich kabellosen Lösungen suchen. Vorerst bleibt sie jedoch auf Stromversorgung über AV-Infrastrukturen wie HD-Base-T oder Netzwerktechnologien wie Power over Ethernet, kurz PoE, angewiesen. Beide reduzieren den Verkabelungsaufwand, beseitigen Kabel aber nicht vollständig. Die Vision der drahtlosen Energie bleibt trotzdem sehr lebendig.

