Anzeige
Speicherkrise

Chips sind teurer als Panels

Jahrzehntelang beschäftigten Displayhersteller vor allem die Panelpreise. Heute sind es Speicherchips. Der AI-Boom verteuert vernetzte Geräte, auch im Digital Signage.
Teure Speicherchips und Funkmodule verschieben die Kosten bei Displays und Mediaplayern. (Foto: Micron Tech)
Teure Speicherchips und Funkmodule verschieben die Kosten bei Displays und Mediaplayern. (Foto: Micron Tech)

Laut Omdia kosten die Halbleiter in günstigen LCD-Displays inzwischen mehr als die Panels selbst. Gleichzeitig warnt der Speicherhersteller Micron, dass DRAM- und NAND-Speicher bis 2028 und darüber hinaus knapp und teuer bleiben dürften.

Beide Entwicklungen zeigen zusammen eine neue Realität. Im AI-Zeitalter wird Silizium wertvoller als Glas.

Chips statt Panels als Kostentreiber

Fast während der gesamten LCD-Ära war das Panel der größte Kostenfaktor in der Fertigung. Bei vielen günstigen Full-HD-Displays gilt das laut der aktuellen Omdia-Analyse nicht mehr.

Bei LCD-TVs mit 32 und 40 Zoll macht die Prozessorplatine inzwischen 45 bis 50 Prozent der gesamten Hardwarekosten aus. Vor einem Jahr lag ihr Anteil an den Materialkosten noch knapp über 10 Prozent. Hauptgrund für den Sprung sind die stark gestiegenen Preise für Arbeitsspeicher, Datenspeicher und Funkmodule.

DRAM kostet mehr als viermal so viel wie im Vorjahr, NAND-Flash etwa neunmal so viel. Auch WLAN-Module sind drastisch teurer geworden. Teilweise kostet ein einzelnes Funkmodul inzwischen mehr als das LCD-Panel.

Die Ursache liegt weit außerhalb der Displaybranche. Hyperscaler investieren Hunderte Milliarden US-Dollar in AI-Infrastruktur. Sie kaufen gewaltige Mengen an Prozessoren, Speicher und Netzwerkhardware. Display-, Smartphone- und PC-Hersteller konkurrieren deshalb zunehmend mit Anbietern von AI-Servern um dieselben Bauteile.

Micron erwartet noch knapperen Speicher

Die Omdia-Zahlen beschreiben die aktuelle Lage. Der Ausblick von Micron legt nahe, dass die Krise ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat.

Bei der Vorstellung seiner jüngsten Quartalszahlen warnte der Speicherriese, dass der Markt für DRAM und NAND 2027 und 2028 noch enger werden dürfte. Die Hersteller bauen zwar branchenweit neue Kapazitäten auf. Ein Gleichgewicht am Markt sehen sie trotzdem nicht.

Die Botschaft ist klar: Die wachsende AI-Nachfrage schluckt zusätzliche Produktionskapazitäten fast unmittelbar.

Viele Branchenbeobachter gehen davon aus, dass die Zeit von reichlich verfügbarem und günstigem Speicher vorbei ist. Statt kurzer Preisspitzen müssen sich Hersteller womöglich auf dauerhaft höhere Bauteilkosten einstellen.

Smartphones und PCs unter Druck

Die ersten Folgen zeigen sich in der Unterhaltungselektronik: Counterpoint Research warnte kürzlich, dass die Auslieferungen von Smartphones unter 200 US-Dollar um bis zu 40 Prozent sinken könnten. Weil Arbeits- und Datenspeicher teurer werden, dürfte es Herstellern schwerfallen, im Einstiegssegment profitabel zu bleiben.

Im Notebook-Markt sieht es ähnlich aus. ODM-Auftragsfertiger melden in einigen Kategorien um mehr als 25 Prozent gesunkene Auslieferungen. Gleichzeitig verbauen Hersteller weniger Arbeitsspeicher und kleinere SSDs, damit die Geräte bezahlbar bleiben.

Das klassische Modell, immer mehr Leistung zu immer niedrigeren Preisen zu bieten, wackelt.

Warum Digital Signage betroffen ist

Für die Digital Signage-Branche ist das mehr als eine Geschichte aus der Unterhaltungselektronik.

Moderne Signage-Plattformen hängen stark vom selben Halbleiter-Ökosystem ab wie Smartphones, Tablets und PCs. System-on-Chip-Displays, Android-Mediaplayer, interaktive Kioske und Collaboration-Displays für den Arbeitsplatz brauchen allesamt DRAM, NAND-Speicher und Funkmodule.

Viele Signage-Anbieter profitierten jahrelang von sinkenden Halbleiterkosten. Sie konnten die Leistung steigern und die Preise trotzdem weitgehend stabil halten. Dieser Trend scheint sich nun umzukehren.

Günstige Mediaplayer müssen womöglich mit weniger Speicher neu entwickelt werden. Auf Integratoren könnten höhere Projektkosten zukommen, vor allem bei großen Rollouts mit Tausenden Screens. Hersteller könnten zudem ihre Produktzyklen verlängern, weil neue Hardware teurer wird.

Noch stärker könnte es die Branche treffen, wenn AI fester Bestandteil von Signage-Plattformen wird. Läuft AI lokal auf dem Gerät, also als Edge AI, braucht sie mehr Speicher und Rechenleistung. Das gilt etwa für Zielgruppenanalysen, Computer Vision, generierte Inhalte und Collaboration-Tools. Genau diese Bauteile werden knapp.

Die Digital Signage-Branche gerät damit von zwei Seiten in die Zange. Kunden fragen mehr AI-Funktionen nach, gleichzeitig wird die Hardware teurer, die diese Funktionen liefert.

Neuer Wettbewerbsvorteil

Nicht alle Displayhersteller trifft die Entwicklung gleich stark. TV-Marken können höhere Hardwarekosten über Werbeeinnahmen aus ihren vernetzten Plattformen ausgleichen. Signage-Anbieter haben diesen Spielraum nicht. Ihr Geschäft basiert weiterhin vor allem auf Hardware und Services. Steigende Halbleiterpreise treffen sie deshalb direkter.

Ein gutes Lieferkettenmanagement, effiziente Software und langfristige Einkaufsverträge für Bauteile könnten so zu wichtigen Wettbewerbsvorteilen werden. Jahrelang hat die Displaybranche die Kosten ihrer Panels optimiert. Künftig müssen Hersteller vor allem Speicher und Rechenleistung gezielt steuern.