Der Begriff Interaktives Signage klingt oft nach mehr, als er in der Praxis hergibt. In 90 Prozent der Fälle sind damit schlichte Touchscreens gemeint. Doch Interaktivität kann deutlich weitergehen. Genau damit beschäftigt sich ein Start-up aus Heidelberg seit vielen Jahren: Ameria entwickelt Gestensteuerungs-Anwendungen, die weit über das hinausgehen, was sich mit Sensoren wie Microsoft Kinect realisieren lässt.
Wer in den vergangenen Jahren Fachmessen wie die ISE besucht hat, dürfte der Technologie bereits begegnet sein. Mit gestengesteuerten Autorennen oder tanzenden Avataren zog Ameria regelmäßig große Besuchergruppen an. Im Alltag jedoch dominiert weiterhin die Touch-Interaktion – Gestensteuerung kennen viele eher aus James-Bond-Filmen als aus realen Anwendungen.

Eine vergleichbare Entwicklung zeigt sich bei 3D-Displays. Brillenlose 3D-Effekte, die wirklich überzeugen, sind nach wie vor selten. Gleichzeitig gehören sogenannte 3D-Displays zum festen Bestandteil nahezu jeder Technologiemesse. Häufig handelt es sich dabei um instabile optische Illusionen, bei denen der Wow-Effekt schnell verpufft und ein nachhaltiger Mehrwert ausbleibt. Auch auf der kommenden ISE in Barcelona dürften zahlreiche solcher Gimmicks zu sehen sein.
Neue Möglichkeiten durch Gestensteuerung und 3D
In Kombination mit Gestensteuerung jedoch entfalten 3D-Displays neues Potenzial. „3D verlangt nach Interaktion im Raum – nicht nach Maus oder Tastatur“, sagt Albrecht Metter, CEO von Ameria. Brillen und Controller seien dabei eher hinderlich und für viele Anwendungen ungeeignet. Vor diesem Hintergrund entwickelte Ameria gemeinsam mit Sony ein 3D-Display, das sich vollständig über freie Handbewegungen steuern lässt.

Das gemeinsame Produkt kombiniert Sonys Spatial Reality Display (SRD) mit dem Starkit von Ameria. Herausgekommen ist ein interaktives, räumliches Signage-Display „out of the box“. Das Spatial Reality Display nutzt Eye-Tracking, um Objekte scheinbar frei im Raum darzustellen. Das Starkit ergänzt dies um zwei am Display montierte Intel-RealSense-Sensoren, die Handbewegungen in Echtzeit erfassen. Objekte lassen sich so berührungslos auswählen, bewegen und im Raum rotieren, wie in diesem Video zu sehen ist:
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„Das Besondere an der Kombination aus Amerias Innovationskraft und Sonys Display-Expertise ist, dass die Reibungsverluste, die man bislang von interaktiven Installationen kennt, drastisch reduziert werden“, sagt Rik Willemse, Head of Professional Displays and Solutions bei Sony. Wer bisher räumliches und interaktives Signage umsetzen wollte, habe häufig fragmentierte Einzellösungen zu komplexen Setups zusammenführen müssen.
Einsatz in Retail, Corporate und Bildung
Nun bringen Sony und Ameria ihre Lösung erstmals als fertiges Produkt auf den Markt. Die Premiere erfolgt auf der ISE in Barcelona, anschließend startet der Vertrieb in Europa. Im Fokus stehen zunächst Retail, Corporate Showrooms und Bildungseinrichtungen. Das 3D-Signage-Display soll sich dabei ähnlich einfach einrichten lassen wie ein klassisches 2D-Display. „Wir haben Gestensteuerung nie als Feature gesehen, sondern als Teil des Gesamterlebnisses“, erklärt Albrecht Metter. Das System wird per Plug-and-Play angeschlossen und anschließend über das Ameria-CMS mit vorhandenen 3D-Assets bespielt, die automatisch gestenbasiert interagierbar sind.

Die Software von Ameria orientiert sich an natürlichen Formen der Interaktion. „Nutzerinnen und Nutzer müssen nichts lernen, sie können mit virtuellen Objekten und Inhalten umgehen, als wären sie Teil der realen Welt.“ Einfache Produkt-Showcases lassen sich laut Ameria innerhalb weniger Minuten umsetzen.
Verkaufstool statt Gimmick
Für Rik Willemse liegt darin auch eine Chance für den europäischen Einzelhandel: „Klassische POS- und Signage-Technologien reichen nicht mehr aus, um die Aufmerksamkeit der Konsumenten nachhaltig zu gewinnen.“ Displays dürften heute nicht länger nur passive digitale Flächen sein, die Content in Endlosschleifen abspielen. Entsprechend sieht Sony 3D als einen zentralen Baustein seines Professional-Display-Geschäfts.

Perspektivisch wollen Sony und Ameria die Lösung auch in Branchen wie Healthcare, Architektur und Engineering etablieren, in denen 3D-Daten bereits heute eine zentrale Rolle spielen. Der Vertrieb erfolgt zunächst über ausgewählte Partner in Europa, unterstützt wird vorerst das SRD-Modell ELF-SR2. Die CMS-Software von Ameria wird im Abonnement angeboten.
Gestensteuerung hat weiterhin einen weiten Weg vor sich – nicht zuletzt, weil User stark an Touchscreens gewöhnt sind. Mit der gemeinsamen Lösung von Sony und Ameria rückt die Technologie nun jedoch ein Stück näher an den Alltag heran. Es ist gut möglich, dass bereits in diesem Jahr erste Installationen in Stores und Showrooms zu sehen sein werden.


