Die ProAV-Industrie hat sich mitten in globalen Handelskonflikten wiedergefunden – direkt durch sich schnell verändernde Zölle im US-Markt und indirekt in Europa durch eine Welle von Produkten, die umgeleitet wurden, um den US-Zöllen auszuweichen. Doch die langfristige Auswirkung geht weit über kurzfristige Preisturbulenzen hinaus, wie invidis in einer Keynote auf der ISE Tradescape Conference darlegte. Im Kern dieser Verschiebung liegt eine fundamentale Veränderung: Herkunft ist wieder wichtig.
Von globaler Bequemlichkeit zu geopolitischer Sensibilität
Jahrelang spielte die Herkunft von Hardware oder der Hauptsitz eines Software-Unternehmens bei der Beschaffung von Digital Signage kaum eine Rolle. Lösungen, Funktionen und Preis waren die entscheidenden Kriterien. Displays konnten in China, Vietnam, Malaysia, Mexiko oder sogar innerhalb der EU hergestellt werden – je nachdem, welche Fabrik eine Marke für eine bestimmte Charge auswählte. Kunden fragten selten nach mehr als technischen Spezifikationen.
Das Gleiche galt für Digital Signage-Software und Hosting. US-basierte oder europäische Cloud-Umgebungen waren gleichermaßen akzeptabel, solange Anbieter nicht mit Russland oder China verbunden waren. Die Digital Signage-Lieferkette war global, bequem und vorhersehbar.
Eine neue Realität
Aber die vergangenen zwölf Monate haben die Gleichung verändert. Geopolitische Instabilität, Cybersecurity-Bedenken und die schnelle Entwicklung von AI-getriebenen Bedrohungen haben grundlegend verändert, wie Unternehmen Technologiepartner bewerten. Die bequeme Annahme, dass der Digital Signage-Stack politisch neutral ist, gilt nicht länger.
Herkunft wird wieder zu einem Beschaffungsfaktor, zunehmend getrieben von vorsichtigen Unternehmenskäufern und neuen rechtlichen Rahmenbedingungen. Die Verschiebung ist subtil, aber unverkennbar.
Fertigungsverschiebungen – aber nur teilweise
Marken konfigurieren bereits Fertigungsnetzwerke neu. Die Produktion sensibler Hardwarekomponenten wird zunehmend von China in politisch weniger exponierte Länder wie Vietnam oder Indien verlagert. Montagekapazitäten innerhalb der EU werden gestärkt, um Kunden zumindest teilweise lokale Produktionsoptionen zu bieten.
Dennoch akzeptiert die Industrie eine praktische Realität: Die Mehrheit der Komponenten wird weiterhin in China hergestellt werden – und sowohl Anbieter als auch Kunden werden weiterhin damit arbeiten.
Die neue Herausforderung: „Made in the US“
Während „Made in China“ vertraut und handhabbar ist, entsteht eine neue Komplexität: die wachsende Sensibilität rund um US-hergestellte Technologie.
Eine aktuelle WEF-Studie hebt hervor, dass 80 Prozent aller Unternehmenslösungen in Europa auf US-basierten Cloud-Hyperscalern laufen. AWS, Azure und Google Cloud dominieren den Markt – und das gesamte AI-Ökosystem ist darauf aufgebaut.
Diese Abhängigkeit bekommt mehr und mehr politisches Gewicht. Zum ersten Mal begegnet US-basierten LED-Herstellern Widerstand, wenn sie in europäische Regierungs- und Hochsicherheitsausschreibungen eintreten. Vertrauen, nicht Technologie, wird zur Barriere.
Resilienz durch duale Technologie-Stacks
US-Hyperscaler oder führende AI-Modelle durch Nicht-US-Alternativen zu ersetzen, ist technisch und wirtschaftlich komplex – in vielen Fällen nahezu unmöglich. Europäische oder asiatische Äquivalente existieren, aber es fehlt ihnen an Größenordnung, Ökosystem-Reife oder der Entwicklungsgeschwindigkeit ihrer amerikanischen Konkurrenten.
Infolgedessen ist die entstehende Strategie nicht Ersatz, sondern Ergänzung: den Aufbau eines zweiten, souveränen Tech-Stacks neben US-basierten Lösungen. Dieser Ansatz spiegelt Trends in Cloud, Cybersicherheit und AI über mehrere Industrien hinweg wider und tritt nun in Digital Signage und ProAV ein.
Souveränität wird zu Design-Kriterium
Für die Digital Signage-Industrie markiert dies den Beginn einer strukturellen Transformation. Der Einkauf wird zunehmend Resilienz, Souveränität und langfristige Risikoexposition neben Funktionen und Preisgestaltung abwägen. Unternehmen werden Transparenz bezüglich Fertigungsstandorten, Software-Hosting, AI-Modell-Herkunft und Lieferketten-Abhängigkeiten erwarten.
Die Botschaft ist klar: Resilienz und digitale Souveränität entwickeln sich zu strategischen Unterscheidungsmerkmalen – und die Industrie muss sich vorbereiten.


