Eine Karriere als Software-Entwicklerin? Hätte ich damals nie in Betracht gezogen. Und heute noch sehe ich einen stereotypischen männlichen Einzelgänger vor mir, wenn ich an den Beruf denke. Doch wenn ich mit Entwicklerinnen in der Digital Signage-Branche spreche und sehe, wie leidenschaftlich sie Lösungen programmieren, denke ich: Wow, cool.
Als ich vor meiner Berufswahl stand, erschien das Programmieren deutlich weniger attraktiv als Marketing- oder Sales-Rollen. Vor 10 Jahren waren Entwicklerteams stark männlich geprägt – und sind es Großteils auch heute noch: An einem typischen Digital Signage-CMS programmieren in der Regel 6 bis 18 Prozent. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist der schwedische Anbieter Dise, wo 30 Prozent des Softwareteams weiblich sind – und das Kernentwicklungsteam komplett aus Frauen besteht. Diese Zahlen stammen aus einer kleinen invidis-Umfrage unter europäischen und US-amerikanischen Softwareanbietern.
Diverse Teams = bessere Lösungen
Im weiteren Tech-Sektor zeigen die meisten Statistiken rund 22 bis 25 Prozent weibliche Softwareingenieurinnen – und insgesamt etwa 35 Prozent Frauen in Tech-Rollen.
James Hart, Global Head of Marketing bei SignageOS, sieht hier viel verschwendetes Potenzial. Seine Erfahrung in der Tech-Welt – einschließlich Führungspositionen bei Blackberry, Jabra und AVG –habe gezeigt: „Die robustesten Lösungen werden von Teams entwickelt wurden, die so vielfältig sind wie die Märkte, die sie bedienen.“ Er sieht aber den akademischen „Pipeline“-Effekt für Frauen in Entwickler- und Ingenieursrollen in Europa als größten Engpass.
Carolyn Voelkening, Chief Delivery Officer bei Appspace, stimmt zu: Vielfalt hat direkte Auswirkungen auf Produktqualität und langfristiges Wachstum. „Im Produktmanagement und Engineering summieren sich kleine Entscheidungen. Wen wir einstellen, beeinflusst, wie wir designen, priorisieren und testen. Wenn Frauen Teil dieses Prozesses sind, sehen wir breiteres Denken und weniger blinde Flecken.“
Der Wille ist da – die Pipeline nicht
Die Bereitschaft, weibliche Entwicklerinnen und Produktmanagerinnen einzustellen, ist da. Einige Digital Signage-Unternehmen, wie das Kölner Unternehmen Dimedis, geben sogar an, Frauen bei gleicher Qualifikation gegenüber männlichen Bewerbern zu bevorzugen.
Quoten für Frauen bleiben für viele ein kontroverses Thema. Sie sind aber nur eine von vielen Maßnahmen, um gezielt mehr Frauen anzuwerben. Und sie resultieren aus der Erkenntnis, dass eine Arbeitskultur, die den Bedürfnissen von Frauen gerecht wird, lange vernachlässigt wurde.
„Frauen für Softwareentwicklung und Coding zu gewinnen, ist eine langfristige Herausforderung. Historisch gesehen haben wir als Branche nicht genug getan, um das Problem zu lösen, und wir sehen die Auswirkungen heute in unseren Personallisten“, sagt James Keen, EVP Marketing bei Uniguest. „Das Bewusstsein für ein Problem ist nur der erste Schritt; positive Maßnahmen zu identifizieren, ist eine Verantwortung, die wir alle teilen.“
Von Quoten zu „Swiftie Days“
Neben Quoten gibt es bei vielen Digital Signage-Unternehmen eine Reihe anderer Initiativen. Appspace gründete beispielsweise eine interne Gruppe namens Athena – ein Akronym für Advocate, Transform, Humility, Empower, Nurture und Authenticity. Ziel ist es, einen unterstützenden Raum für Frauen in der gesamten Organisation zu schaffen.
Auch kleinere Unternehmen lassen sich Dinge einfallen, um ein inklusives Arbeitsumfeld zu schaffen. Dise veranstaltete zum Beispiel einen „Swiftie Day“ im Office, als das neue Album von Taylor Swift herauskam. Natürlich muss nicht jede Entwicklerin ein Swiftie sein, aber es zeigt, wie vielfältigere Teams die Unternehmenskultur prägen können – durch Förderung von Zusammenarbeit, Verbindung und Zugehörigkeitsgefühl.
AI und das Zeitalter des „Vibe-Codings“
Die Rolle von Softwareentwicklern verändert sich ebenfalls dramatisch. Ein immer größerer Teil des Entwicklungszyklus läuft mittlerweile über AI-Assistierte Entwicklung und „Vibe-Coding“ – also Code-Generierung über Prompts. Das erfordert ein anderes Skill-Set als traditionelles manuelles Programmieren.
Laut James Hart von SignageOS sind Tech-Rollen zunehmend auf hochgradiges Multitasking und funktionsübergreifende Koordination angewiesen – Bereiche, in denen Frauen historisch besonders stark sind. SignageOS sieht deshalb großes Potenzial darin, solche Transformations-Initiativen in die Hände weiblicher Teammitglieder zu legen, und bietet Schulungen in AI-gestütztem Management und fortgeschrittener Motion-Graphics-Entwicklung an.
Vielleicht ist es oberflächlich, aber Vibe-Coding und AI-assistiertes Coding lassen den Beruf auf einmal deutlich cooler erscheinen. Jede Uni-Absolventin möchte heute doch so AI-affin wie möglich sein – so gut in der Technologie versiert sein, damit sie nicht von ihr ersetzt werden kann. Wenn diese Entwicklungen dazu beiträgt, mehr Frauen für Software zu begeistern, umso besser.
Für die Digital Signage-Branche ist das nur positiv: Sie braucht mehr junge Talente – ob Frauen oder Männer. Und der aktuelle Image-Wandel könnte eine neue Generation ehrgeiziger Entwicklerinnen hervorbringen.




