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Im Knast mit Prominenten – das Faengslet Museum

- Horsens | Wie wird aus einem Gefängnis ein Erlebnisort, ohne dass das Museum zum flachen Disneyland verkommt? Das Faenselsmuseet im dänischen Horsens vermittelt ernste Themen auf frische Art. Teil 2: die berühmtesten Insassen.  von Thomas Kletschke

Schauspieler Kim Bodnia als Peter Adler Alberti (Foto: invidis)

Schauspieler Kim Bodnia als Peter Adler Alberti (Foto: invidis)

Vierter Stock: was ein Ausblick! – Die Knast-Prominenz der Hells Angels in der Abteilung für schwere Bandenkriminalität spielt Ping Pong auf der im Gang stehenden Tischtennisplatte. Im Rahmen der Möglichkeiten lässt man es sich gut gehen, sitzt im mit Wikingerbildern bemalten Aufenthaltsraum, legt die Lederkutte ab und die Küchenschürze um, um in der gemeinsamen Küche zu kochen. Die Delinquenten schauen aus ihren Zellen übers weite Land, können den salzhaltigen Duft des Meeres riechen, überblicken den Innenhof auf dem andere gerade ihre Runden drehen.

Die insgesamt bis zu 16 Mitglieder der organisierten Schwerstkriminellen genießen Privilegien. Von 1999 bis 2006 hat man hat sie hier – im „Saerafdeling for staerkt negativt styrende indsatt“ (etwa: Sonderblock für besonders stark störende Insassen) – zusammengefasst. Auch in dänischen Gefängnissen gibt es Gefangene erster und zweiter Klasse.

Jetzt haben sie dich. Schon bist du wieder mitten drin: in der Diskussion darüber wie ein Rechtsstaat mit denjenigen umgehen soll und kann, die den Drogenhandel im Knast kontrollieren, andere Gefangene sowie Wärter bedrohen, schwer verletzen und sich einen Scheiß um alles kümmern. In einem großen Raum um die Ecke stehen große interaktive Screens, analoge Whiteboards und andere Mittel bereit, um Infos anzuzeigen und um eigene Meinungen und Umfragen unter Besucherinnen und Besuchern seamless zu ermöglichen.

Die Ausstellungsmacher im Museum hatten manche Gratwanderung zu bedenken. Wie inszeniert man den realen, oft sehr harten Alltag, den die männlichen Insassen von 1853 bis 2006 im Gefängnis von Horsens zu bewältigen hatten? Ohne, dass die Opfer von Dieben, Betrügern, Entführern, sicherheitsverwahrten Psychopathen, Kriegsverbrechern und Mördern im Nachhinein verhöhnt werden. Wie ermöglicht man auch schlichteren Gemütern die Erkenntnis, dass sich Verbrechen letztlich doch nicht lohnt; dass es keinen easy Lifestyle bei Freiheitsentzug von bis zu 23 Stunden in einer 8 m² Zelle geben kann.

Man kann besonders dröge erzählen, wie eintönig der Alltag über die Jahrzehnte gewesen sein muss. Und damit riskieren, dass beispielsweise Schulklassen mit Scheuklappen durch eine Ausstellung laufen. Oder man macht sich die Mühe, um immer wieder zu hinterfragen, wie viele kleine skurrile Details den puren Daten hinzugefügt werden können.

Ohne die Prominenten jedenfalls kommt auch diese sehr gut geplante und inszenierte Ausstellung nicht aus. Im Laufe seines Bestehens war Horsens – heute das wohl einzige Museum in Dänemark, das lediglich einen Ein- und Ausgang hat, was allein aus Brandschutzgründen ein Thema für sich ist – Aufenthaltsort für viele kriminelle Berühmtheiten.

Der Gefangene Nr. 75 war so jemand: Peter Adler Alberti – pikanterweise von 1901 bis 1908 Justizminister in Dänemark. Und ab 1910 „zu Gast“ in Horsens, rechtskräftig verurteilt zu acht Jahren Gefängnis wegen Betrugs und Unterschlagung im Zusammenhang mit betrügerischen Bankgeschäften, die heute einem Schaden von 900 Millionen Dänischen Kronen entsprechen, umgerechnet rund 121 Millionen Euro. Alberti war auch der einzige Gefangene mit maßgeschneiderter Gefängniskleidung – er war schlicht zu fettleibig für die Standardgrößen. In der Ausstellung wird er durch farbige Videoprojektion zum Leben erweckt, dargestellt übrigens vom dänischen Schauspieler Kim Bodnia (Nightwatch, In China essen sie Hunde, Krmi TV-Serie Die Brücke – Transit in den Tod). In Audiobotschaften kommt Alberti ebenfalls zu Wort, historisch korrekt ausschließlich mit Originalzitaten.

Kriegsverbrecher Werner Best entkam der Todesstrafe (Foto: invidis)

Kriegsverbrecher Werner Best entkam der Todesstrafe (Foto: invidis)

An den Gefangenen Nr. B 450 erinnert man ebenfalls mit einer Videoprojektion, ohne dabei inhaltlich eventuell angereisten „Fans“ zu viel Futter zu geben. Hier wird nur seine kurze dänische Knast-Episode gezeigt. Es handelt sich um den Kriegsverbrecher, SS-Mann und Gestapo-Schergen Werner Best. Eigentlich zum Tode verurteilt, später begnadigt und mit der Diagnose schwere Depression im Jahr 1951 nach nur einjähriger Haft in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben, wo er trotz späten Anklageerhebungen, zuletzt in den späten 1960er und 1980er Jahren bis zu seinem Tod 1989 ohne weitere Strafen lebte.

Auch denjenigen, die während der deutschen Besatzung Dänemarks unter „Reichsbevollmächtigten“ Werner Best wegen Widerstands gegen das in das Gefängnis kamen, wird Name und Gesicht gegeben, exemplarisch am Beispiel des Gefangenen Nr. T 615 Leon Houlby, dem im Jahr 1944 die Flucht aus dem Gefängnis gelang.

Horsens berühmtestem Ausbrecher aber kann man jetzt schon an mehreren Stellen im Gefängnis begegnen, etwa beim Buddeln seines 18 m langen Fluchttunnels. Monatelang hatte der Gefangene Nr. S 36 dafür gegraben – unterm Strich für sieben Tage in Freiheit. Dann entdeckte man Carl August Lorentzen auf einem nahen Bauernhof und er musste zurück hinter schwedische Gardinen. Für einen Sicherheitsverwahrten (wiederholter Diebstahl, Einbruch), der insgesamt 39 Jahre seiner 58 Lebensjahre im Gefängnis verbrachte, eine kostbare Zeit.

Dieser Safeknacker und Gentleman-Verbrecher ist dafür heute weltweit unsterblich und einer der beliebtesten Insassen des Gefängnis in Horsen. Als Egon Olsen kennt ihn schließlich jedes Kind – das intellektuelle Mastermind der berühmten und ewig scheiternden Olsenbande.

An dieser Stelle geht es weiter mit dem letzten Teil der Kurz-Serie über das Gefängnismuseum, dem Teil 3. Haben Sie Teil 1 verpasst? – Den finden Sie hier.

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