Digital Signage & Ausstellungen

Konzept und Knete – das Faengslet Museum

- Horsens | Ein altes Gefängnis verwandelt sich in ein Museum. Innerhalb von fünf Jahren und in vier Projektphasen nimmt die multimediale Ausstellung Gestalt an: das Faenselsmuseet im dänischen Horsens. Teil 1 der heute erscheinenden dreiteiligen Serie: Konzept und Finanzierung. von Thomas Kletschke

Ein Ex-Dealer berichtet - lebensgroß und in Farbe (Foto: invidis)

Ein Ex-Dealer berichtet – lebensgroß und in Farbe (Foto: invidis)

Nach 153 Jahren war Schluss: das Gefängnis von Horsens entsprach nicht mehr den Erfordernissen des modernen Strafvollzugs. Im Jahr 2006 verließen die letzten Insassen ihre Zellen. Sie verbüßen ihre Reststrafen andernorts.

Mancher Ex-Häftling des auf Jütland gelegenen Horsens Statsfaengsel hat später auch als resozialisierter Bürger einen Neustart wagen können, wie der Häftling Nr. F 2744, Pete Andersen*. Nach 16 Jahren Haft (Mord) entdeckte er Musik und Handwerk für sich. In Horsens weckte Ingeborg Lorentzen die Liebe zur Melodie in ihm. Sie arbeitete für Jahrzehnte als Organistin in dem Männergefängnis. Bei Musikstunden oder den Gottesdiensten in der Knast-Kapelle lernte sie die schweren Jungs von einer ganz anderen Seite kennen.

Dies sind zwei von insgesamt zehn Charakteren, deren Identität jeder Besucher annehmen kann. Mittels RFID Karte können an zahlreichen Stationen Zusatzinfos via Bewegtbild, Audio und Standbild ausgespielt werden. Ja, ausgespielt.

Denn AV Technologie übernimmt heute das Gros der Erzählung in dem Museum, das bislang mit Mitteln von umgerechnet gut 4,6 Millionen Euro finanziert wurde. Dies sind allerdings nicht die budgetierten Kosten der Installation (AV, digital, analoge Medien sowie Handwerkerkosten die zu diesen Installationsarten gehören). Diese Gesamtkosten liegen mit einem Betrag von 2,417 Millionen Euro deutlich unter den Fördermitteln. Schließlich erfordert ein Museumsbetrieb weitere Posten. Die Gesamtinstallation korrespondiert mit und nutzt Teile der insgesamt 20.000 Exponate in dem 4.000 m² großen Museum.

Bis dahin war ein gehöriges Stück Arbeit zu erledigen: Historiker, Museumspädagoginnen, Ausstellungsspezialisten, Architektinnen und Techniker sowie Integratoren haben das Gros davon bereits erledigt. Derzeit läuft die vierte und letzte Phase der fünf Jahre dauernden Gestaltung, die im Jahr 2017 abgeschlossen wird. Unter anderem wird dann auch der Fluchttunnel des Gefangenen Nr. S 36 fertig sein, verrät Exhibition Designer Mads Havemann während unseres Rundgangs. Auf diese AV Umsetzung darf man schon jetzt gespannt sein. Und als Person ist Nr. S 36 sowieso der bekannteste der vielen berühmten Insassen (siehe Teil 2 „Im Knast mit Prominenten“, Link ganz am Ende dieses Textes).

Das Lebensmotto des Ausbrechers mag auch ein Leitspruch für die Gemeinde Horsens gewesen sein, als man sich nach anderen Nutzungsarten entschied, ein Museum zu gründen: „Hvor der er en Vilje, der er der ogsaa en Vej“ (Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg). Neben eigenen Investitionen der Stadt Horsens in Höhe von 2,8 Millionen Dänischen Kronen (mehr als 376.000 Euro), schoss die Stiftung Arbejdsmarkedets Feriefond 9,8 Millionen DKK (rund 1,32 Euro) zu. Inzwischen kamen weitere beträchtliche Mittel hinzu, die den Spielraum erweitern halfen – zuletzt etwa 21,8 Millionen DKK der Nordea Foundation, umgerechnet rund 2,93 Millionen Euro. Auch wenn in Dänemark ein solches Engagement von privaten Stiftungen bei eigenen privaten oder fremden, öffentlichen historischen Museen und Kunstmuseen üblich ist: Spender wie Carlsberg, Nordea und Co. wollen überzeugt werden.

Das Konzept setzt technisch auf Bewegtbild, Sound, interaktive digitale und analoge Medien (komplette Auflistung: Teil 3, „Die Macher und die Technik“). Inhaltlich werden die einzelnen Stationen eines Gefängnisses gezeigt: Waschräume, Einzelzellen, Krankenstationen, Küchentrakte und Gänge. Zudem wird in verschiedenen interaktiven Debattenräumen eine Diskussion über verschiedne Aspekte von Strafvollzug, Kriminalität, Prävention und Sicherheit geführt – stets auf Augenhöhe mit allen erdenklichen Zielgruppen, von Kindern und Familien bis hin zu Fachleuten. Einige wenige virtuelle Protagonisten (Häftlinge, Justizbeamte) personalisieren das Geschehen. Zahlreiche weitere finden sich an diversen Stellen. Man kann das Museum zudem im Web auf zwei verschiedenen Microsites auch virtuell erleben – an dieser sowie an dieser Stelle.

An dieser Stelle geht es weiter mit Teil 2.

*Vor- und Nachname sowie Gefangenen Nr. aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

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