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Vertiseit

Die Scala-Herausforderung

Die überraschende Übernahme von Scala durch Vertiseit mag wie ein Schnäppchen erscheinen – doch die Umwandlung eines traditionsreichen Lizenzriesen in ein SaaS-orientiertes Unternehmen wird alles andere als einfach sein.
Vertiseit-CEO Johan Lind auf der Bühne des DSS 2026 (Foto: invidis/Tom Cesalek)
Vertiseit-CEO Johan Lind auf der Bühne des DSS 2026 (Foto: invidis/Tom Cesalek)

Ab dem zweiten Tag des DSS in München dominierte ein Thema eindeutig alle Gespräche: die Scala-Übernahme durch Vertiseit. Dieser Schritt kam überraschend – und ist ein echter Coup. In Rekordzeit nutzte das schwedische Managementteam um Johan Lind und Jonas Lagerqvist die seltene Gelegenheit, eine der renommiertesten Softwaremarken der Branche von der zunehmend angeschlagenen Stratacache-Gruppe zu erwerben.

Bei einem Kaufpreis von rund 24 Millionen Euro erscheint die Bewertung relativ niedrig. Vertiseit selbst bestätigte gegenüber Analysten, dass die Ergebnisse der Due-Diligence-Prüfung noch ausstünden, da der Vertrag erst in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag unterzeichnet worden sei. Die Schnelligkeit der Abwicklung unterstreicht den außergewöhnlichen Charakter dieser Gelegenheit – und die Bereitschaft des Unternehmens, auf der Grundlage eines kalkulierten Risikos entschlossen zu handeln. In den kommenden Tagen wird mehr Transparenz hinsichtlich des erworbenen Geschäfts erwartet.

Ein geschwächter Riese

Das von Vertiseit übernommene Geschäft erwirtschaftet einen Umsatz von rund 20 Millionen Euro, darunter etwa 8 Millionen Euro aus wiederkehrenden Wartungserlösen und etwa 12 Millionen Euro aus dem Hardware-Geschäft. Der aktuelle Gesamtumsatz von Scala dürfte höher liegen.

Software M&A: Vertiseit übernimmt Scala

Bemerkenswert ist, dass Vertiseit sich weigerte, die Anzahl der aktiven Lizenzen offenzulegen, als invidis auf der The DSS in München danach fragte. Klar ist jedoch, dass Scala heute nur noch ein Schatten seiner selbst ist – ein krasser Gegensatz zu den Zahlen, die Stratacache noch Ende 2025 kommuniziert hatte. Über fast vier Jahrzehnte hinweg wurden zwar mehr als vier Millionen Lizenzen verkauft, doch die aktive, installierte und gewartete Basis dürfte heute bei etwa 150.000 liegen.

Stratacache: Ein Digital Signage-Schwergewicht wankt

Die Ursache für diesen Rückgang liegt in Scalas veraltetem Geschäftsmodell. Jahrzehntelang wurde die Plattform über unbefristete Lizenzen verkauft, wobei die CMS-Infrastruktur von Partnern betrieben wurde. Zum Zeitpunkt der Übernahme liefen noch mehr als 1.000 Server in Partnerumgebungen – was kaum bis gar keine wiederkehrenden Lizenzerlöse generierte. Stattdessen tragen neuere Scala-Projekte zu laufenden wiederkehrenden Wartungseinnahmen in Höhe von insgesamt 7,8 Millionen Euro pro Jahr bei.

Ein radikaler Wandel steht bevor

Für Vertiseit ist die Logik hinter der Übernahme klar: die Marke Scala, eine große installierte Basis an Medienplayern und ein seit jeher starkes Partner-Ökosystem.

Scala wird im Rahmen einer strikten „Partner-First, Partner-Only“-Strategie in das Dise-Geschäft integriert. Gleichzeitig wird erwartet, dass das Hardware-Geschäft rasch aufgegeben wird, entweder durch Einstellung oder durch Übertragung an Partner.

Das zentrale strategische Ziel ist eine vollständige Umstellung auf SaaS. In den nächsten zwei bis drei Jahren will Vertiseit einen erheblichen Teil der installierten Basis und des Partnernetzwerks von Scala von unbefristeten Lizenzen auf Abonnementmodelle umstellen.

Diese Transformation wird nicht reibungslos verlaufen. Erste Rückmeldungen von Partnern auf dem DSS in München deuten auf Skepsis hin – insbesondere angesichts des Umfangs der erforderlichen Umstellung. Johan Lind räumt die Herausforderung offen ein und rechnet dabei mit Partnerabwanderungen.

Bewährtes Konzept – aber in großem Maßstab?

Trotz der Risiken ist das Vertrauen bei Vertiseit weiterhin groß. Das Unternehmen hat bereits nach der Übernahme von Dise einen ähnlichen Übergang erfolgreich durchgeführt, bei dem Kunden effektiv von lizenzbasierten Modellen auf SaaS umgestellt wurden.

Scala stellt jedoch eine grundlegend andere Größenordnung und Komplexität dar. Die installierte Basis ist größer, die Partnerlandschaft fragmentierter und die alte Infrastruktur deutlich stärker verankert.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Vertiseit sein Erfolgsrezept von Dise wiederholen kann – diesmal mit einer der bekanntesten Plattformen im Bereich Digital Signage, die aber strukturell angeschlagen ist.

Johan Lind: „Fünf globale Plattformen werden die Branche dominieren“