Green City

Schneller Laden mit DooH

Ab 2030 wird ein Großteil der Neufahrzeuge in Europa elektrisch betrieben. Laut einer aktuellen McKinsey-Studie werden 40 Prozent der Ladevorgänge an öffentlichen Ladesäulen stattfinden. Ein großes Potenzial, das Start-ups wie Jolt gemeinsam mit DooH-Anbieter UZE Mobility und Numbat adressieren.
Jolt zeigte während der IAA Mobility mit Partner EG das neue System (Foto: Jolt)
Jolt zeigte während der IAA Mobility mit Partner EG das neue System (Foto: Jolt)

Die Idee ist nicht neu – EV-Ladesäulen mit DooH-Screens zu verbinden. In den USA betreibt Volta bereits ein Netz von mehr als 1.000 DooH-Ladesäulen vor Supermärkten und Shopping Centern. Doch die 11-kW-Ladekapazität der bisher eingesetzten Wechselstrom-(AC)Säulen ist nicht ausreichend, um moderne EV-Fahrzeuge in kurzer Zeit wieder aufzuladen.

Die Zukunft liegt im Gleichstrom (DC). Laden mit Ladeleistungen von 50kW und eigentlich mehr als 150kW (Ultrahigh Performance). Innerhalb von 20 Minuten können somit Fahrzeugbatterien wieder von 20 auf 80 Prozent aufgeladen werden. Doch die Kapazität des aktuellen Stromnetzes in Städten lässt den massenhaften Betrieb von Schnellladestationen nicht zu. Deshalb sind Schnellladeparks heute primär an Autobahnen (Ionity) und in Gewerbeparks (EnBW) verfügbar.

Jolt: Esso-Tankstellen erhalten DooH-Schnelllader

Clean-Tech Start-ups wie Jolt aus München setzen auf Batterie-unterstütztes Schnellladen im innerstädtischen Umfeld. Die Ladesäulen sind an das städtische Niederspannungsnetz angeschlossen und speichern in den integrierten Batteriepacks zusätzliche Energie. Damit ist ein zeitgleiches Schnellladen von zwei EV-Fahrzeugen mit 150kW und mehr auch im städtischen Bereich möglich. Allerdings keine ganz billige Angelegenheit: Eine Ladesäule mit Batteriepack kostet heute noch mehr als 100.000 Euro –Installation, Erdarbeiten und Betrieb nicht eingeschlossen.

DooH gemeinsam mit UZE Mobility

Auch für den Nutzer ist Schnellladen ein Premiumangebot – die Kosten für den Strom sind heute oft doppelt  so teuer wie AC-Laden. Einer der Ansätze, die Kosten zu reduzieren, ist DooH. Jolt setzt dabei auf integrierte DooH-Screens. Dafür kooperiert das Münchner Start-up mit dem Bremer DooH-Spezialisten UZE-Mobility, die über die Technik-Kompetenz und Vermarktungserfahrung verfügen. Die ersten 40 Schnelllade-Stationen mit DooH-Screens werden ab kommenden Sommer an Tankstellen in süddeutschen Großstädten in Betrieb gehen. Ein weiterer Ausbau in Europa und Nordamerika ist bereits in Planung.

Laut McKinsey müssen europaweit 6.000 Ladepunkte pro Woche installiert werden, um 2030 eine ausreichende Ladeinfrastruktur anbieten zu können. Ein riesiger Markt, der nicht nur von den etablierten Energieversorgern (EnBW, Eon, RWE), sondern auch von neuen Anbietern adressiert wird.

Numbat Schnelllader vor Feneberg Supermarkt (Foto: Numbat)
Numbat Schnelllader vor Feneberg Supermarkt (Foto: Numbat)

Nicht nur in Metropolen – Numbat bringt Schnellladesäulen ins Allgäu

Neben Jolt setzt auch das Allgäuer Startup Numbat auf DooH-Screens an Schnellladesäulen – allerdings im ländlichen Raum. Zusammen mit der regionalen Supermarktkette Feneberg installiert Numbat an mehr als 40 Standorten im Süden Deutschlands Schnelladesäulen mit 75“- und 85“-Screens. In der zweiten Jahreshälfte 2022 entsteht somit erstmals ein flächendeckendes Angebot an öffentlichen DooH-Schnellladesäulen in einer ländlichen Region. Numbat setzt ebenso wie die Schnellladeparks von Ionity & Co. auf eine technologische Kombination aus Ladesäule und Batteriespeicher, ohne teure Anbindung an das Mittelspannungsnetz.

Die mehr als 40 HPC-Ladesäulen werden auf den Parkplätzen der regionalen Supermarktkette Feneberg installiert und unter anderem mit Strom der Fotovoltaikanlagen auf dem Dach der Supermärkte mit Strom versorgt.

DooH: EV-Schnelllader – DooH trifft Trafostation

„Als nachhaltige Supermarktkette sehen wir uns zunehmend mit der Herausforderung konfrontiert, dass wir unseren Kunden eine Möglichkeit zum schnellen Laden ihres Elektrofahrzeugs während des Einkaufs anbieten müssen”, erklärt Nico Fischer, Bereichsleiter Bau-, Gebäude- und Energiemanagement von Feneberg. „Unseren Kunden kommt es dabei vor allem auf schnelles Laden an, für uns muss es aber natürlich auch wirtschaftlich umsetzbar sein. Die Kosten für zum Beispiel Installation, Anschaffung und Betrieb sind bei den derzeit bestehenden Modellen einfach zu hoch.“

Das Kemptener Startup rollt das nach eigenen Angaben “deutschlandweit erste Schnellladenetz mit durchschnittlich einer Schnellladesäule alle 10 Kilometer“ auf. Bis zu 2.000 Elektrofahrzeuge sollen zukünftig jährlich mit von Feneberg-PV-Anlagen selbst generierten Strom aufgeladen werden können.

Die Gründer von Numbat, Maximilian Wegener und Martin Schall, sehen sich bestätigt. “Unser Ziel ist es, zu beweisen, dass Schnellladesäulen nicht nur an Autobahnen oder Hubs entstehen können, sondern, durch die Kombination Schnellladesäule und Batteriespeicher in Verbindung mit unserer Technologie, überall. Da unsere Numbats nicht an das Mittelspannungsnetz angeschlossen werden müssen, vermeiden wir Eingriffe in die Infrastruktur und große Baumaßnahmen wie zum Beispiel Trafohäuschen. Wir freuen uns, gemeinsam mit Feneberg eine gewisse Vorreiterrolle einzunehmen und sind davon überzeugt, dass unser Modell für ganz Deutschland relevant sein wird, da insbesondere ländlichere Regionen beim Thema Schnellladen oft vergessen werden.”

Volta: Investoren lieben DooH-Ladesäulen

Herausforderung DooH-Vermarktung – Geschichte voller Missverständnisse

Die Kombination von Ladesäulen und DooH war lange eine Geschichte voller Missverständnisse. Die mehrstündige Ladedauer an AC-Ladepunkten ließ aufgrund der geringen Nutzer-Frequenz kaum eine sinnvolle Werbevermarktung zu. Auch Volta – trotz eines Netzwerks von 1.000 DooH-Ladepunkten – kann bis heute kaum nennenswerte DooH-Umsätze vermelden. Zusätzlich blockieren ladende Fahrzeuge oft die Sicht auf die Screens, sodass auch Passanten kaum eine „Opportunity to See (OTS)“ auf die Displays haben.

Mit Schnellladesäulen kann sich das Geschäftsmodell tatsächlich verändern. Die durchschnittliche Nutzungszeit wird zwischen 15-20 Minuten liegen, die integrierten Screens sind mit bis zu 85 Zoll erheblich größer und die Standorte liegen oft direkt am Eingang zum Supermarkt oder gut sichtbar an Tankstellen. Zudem befinden sich die Schnellladesäulen auf privatem Grund, sodass in der Regel kein Konflikt mit bestehenden städtischen OoH-Vermarktungsverträgen mit Ströer, Wall & Co. bestehen.

Trotzdem empfiehlt sich für Cleantech-Startups die Zusammenarbeit mit DooH-Experten wie zwischen Jolt und UZE Mobility. Denn ohne DooH-Marktkenntnisse, Digital Signage-Technologieerfahrung und programmatische Anbindung wird eine erfolgreiche Vermarktung insbesondere in ländlichen Gebieten schwierig.

Für DooH bieten die neuen Netze jenseits der Metropolen allerdings viele neue Optionen, die Reichweite zu erhöhen. Es wird spannend.

Smart City: Tankstelle der Zukunft ist eine Lounge